Anwendbares Recht im wettbewerbsrechtlichen Eilverfahren (OLG Frankfurt a.M., Beschluss v. 30. Januar 2020, Az.: 6 W 9/20)

Die Antragstellerin verfolgte einen wettbewerbsrechtlichen Unterlassungsanspruch. Das Landgericht hatte den Antrag zurückgewiesen. Das Oberlandesgericht bestätigte die Entscheidung (Beschluss vom 30. Januar 2020, Az.: 6 W 9/20), allerdings ohne sich in Bezug auf die im konkreten Fall anzuwenden materiellen Rechtsnormen festzulegen. Es sei italienisches Recht anwendbar, aber das Gericht habe im Rahmen des Verfügungsverfahrens aufgrund des in diesem Punkt lediglich knappen Vortrags der Antragstellerin keine ausreichende Grundlage für eine vollständige Prüfung des Sachverhalts nach italienischem Recht.

Das anwendbare Recht für den lauterkeitsrechtlichen Unterlassungsanspruch der Antragstellerin ergab sich aus Art. 6 Abs. 1 Rom II-VO. Danach ist auf außervertragliche Schuldverhältnisse aus unlauterem Wettbewerbsverhalten das Recht des Staates anzuwenden, in dessen Gebiet die Wettbewerbsbeziehungen oder die kollektiven Interessen der Verbraucher beeinträchtigt worden sind (Marktort). Dieser Staat war Italien, da die Website, auf welcher der behauptete Rechtsverstoß begangen wurde, sich offensichtlich an den italienischen Markt richtete:

  • Die Website hatte eine italienische First-Level-Domain,
  • Der Domainname entstammte der italienischen Sprache und
  • Der Inhalt der Website war in italienischer Sprache gehalten.
  • Auf den Sitz der Wettbewerber in Deutschland und die Möglichkeit, sich die Website auch in englischer Sprache anzeigen zu lassen, kam es nach Auffassung des Gerichts insoweit nicht an.

In Bezug auf die konkrete Anwendung italienischen Wettbewerbsrechts führt das Gericht jedoch aus:

„Der Senat sieht sich nicht in der Lage, auf den vorliegenden Fall italienisches Wettbewerbsrecht anzuwenden. Die Antragstellerin hat zwar in der Beschwerde § 2598 und 2599 des italienischen Zivilgesetzbuches vorgelegt, ohne jedoch zu Systematik und Auslegung vorzutragen. Einziger Ansatzpunkt ist die Generalklausel in § 2598 III des italienischen Zivilgesetzbuches, die aufgrund ihrer Unbestimmtheit und Weite ohne Kenntnis der hierzu ergangenen Rechtsprechung für den Senat keine Grundlage für eine Entscheidung sein kann. Hinzu kommt, dass es sich bei § 4 Nr. 4 UWG um nicht harmonisiertes Recht handelt, so dass nicht gewährleistet ist, dass eine entsprechende Rechtsanwendung - und sei es nur den Grundzügen nach - auch in Italien erfolgt. Über weitergehende Erkenntnisquellen verfügt der Senat nicht.

Der Senat wäre daher gehalten, insoweit im Rahmen von § 293 ZPO Beweis zu erheben. Für das Eilverfahren ist eine solche Beweiserhebung jedoch grundsätzlich ungeeignet, da die damit einhergehende Verzögerung mit dem Charakter des Eilverfahrens unvereinbar ist (Sommerlad, NJW 1991, 1377)

  1. e) Die Frage, wie einer derartigen Sondersituation im Eilverfahren umzugehen ist, ist umstritten.

(...)

(3) Eine dritte Auffassung (Stein/Jonas/Leipold, ZPO, § 293, Rnr. 57; Schack IPRax 1995, 158, 161; OLG Hamburg, IPrax 1990, 400 ff.), der der Senat folgt, sucht die Lösung des Problems darin, dass die Rechtsprüfung im Verfahren des vorläufigen Rechtsschutzes in Form einer summarischen Schlüssigkeitsprüfung durchgeführt wird, die die wahre materielle Rechtslage weitgehend offenlässt. Da in einem solchen Fall die Richtigkeitsgewähr der Entscheidung erheblich reduziert ist, soll eine Abwägung der Interessen von Antragsteller und Antragsgegner hinzutreten. (Hervorhebung hier)

Das Gericht hat damit lediglich summarisch die Schlüssigkeit des geltend gemachten Anspruchs geprüft und dann im Rahmen einer allgemeinen Interessensabwägung ohne Bezugnahme auf konkret anwendbare Normen entschieden. Vorliegend überwogen nach Auffassung des Gerichts aufgrund konkreter Umstände des Einzelfalls die Interessen des Antragsgegners. In nicht europarechtlich harmonisierten Bereichen ist damit im Eilverfahren bei Anwendbarkeit ausländischen Rechts sowohl so ausführlich wie möglich zu den konkret anwendbaren ausländischen Normen, inkl. Systematik, Auslegung und aktueller Rechtsprechung, als auch zur allgemeinen Interessenlage der Parteien vorzutragen.

GbR muss sich bei konkreter Kaufaufforderung als GbR zu erkennen geben (OLG Hamm, Urt. v. 18.02.2020, Az.: 4 U 66/19)

Die Beklagte, eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts, schaltete eine Print-Anzeige, in der sie Neureifen zu günstigen Preisen anbot. Sie bezeichnete sich selbst darin als „S T & U“.

Das OlG Hamm stellte fest, dass dies gegen § 5a Abs. 2 Satz 1 und Abs. 3 Nr. 2 UWG verstößt (Urt. v. 18.02.2020, Az.: 4 U 66/19). In der Werbeanzeige fehle es an einer wesentlichen Information. Bei einer Aufforderung zum Kauf müsse der Verbraucher über die Identität des Verkäufers informiert werden. Dazu zähle auch die Rechtsform.

Das Gericht führt unter Bezug auf Goethe aus:

„(a) Zur Identität des Unternehmers gehört jedenfalls dessen Name (Büscher, UWG, 1. Aufl. [2019], § 5a Rdnr. 101 ff.). Hierin erschöpft sich indes der Begriff der „Identität“ nicht. Zur Identität gehört ebenfalls – sogar mehr noch als der Name – die Rechtsform des Unternehmers. Während Namen nämlich nur „Schall und Rauch“ (Goethe, Faust I, Vers 3457), mithin lediglich ein oberflächliches Merkmal zur Identitätsbestimmung sind, berührt die Frage nach der Rechtsform das innere Wesen oder – anders ausgedrückt – den Kern der Identität des Unternehmers. Damit ist auch die Rechtsform des Unternehmers Bestandteil seiner Identität, über die nach § 5a Abs. 3 Nr. 2 UWG zu informieren ist. Dieses Verständnis des Begriffes der Identität steht auch im Einklang mit dem Sinn und Zweck der Regelung in § 5a Abs. 3 Nr. 2 UWG: Der Verbraucher soll in die Lage versetzt werden, den Ruf des Unternehmers sowie seine wirtschaftliche Bonität und Haftung einzuschätzen (BGH, Urteil vom 18.10.2017 – I ZR 84/16 – [Kraftfahrzeugwerbung] <juris>, Rdnr. 18). Jedenfalls die beiden letztgenannten Umstände können von der Rechtsform des Unternehmens abhängen (vgl. BGH, Urteil vom 18.10.2017 – I ZR 84/16 – [Kraftfahrzeugwerbung] <juris>, Rdnr. 18 a.E.). Der Verbraucher soll erfahren, was für ein rechtliches Gebilde bzw. was für ein Rechtssubjekt ihm in der „Aufforderung zum Kauf“ gegenübertritt.“

Und zur Rezeption des Verbrauchers:

„(d) Die streitgegenständliche Werbeanzeige enthält keine Angaben zur Rechtsform der „S T & U“. Die Rechtsform ergibt sich auch nicht (im Sinne des § 5a Abs. 3 UWG) „unmittelbar aus den Umständen“. Der Auffassung des Beklagten, der angesprochene Verkehr könne aus der vorerwähnten Bezeichnung ableiten, dass es sich bei dem Anbieter um eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts handele (handeln müsse), vermag der Senat nicht zu folgen. Die Auffassung des Beklagten setzt voraus, dass der Verkehr bei einer Bezeichnung wie der hier vorliegenden vom Bestehen eines – zunächst einmal wie auch immer gearteten – Gesellschaftsverhältnisses ausgeht, dass der Verkehr in rechtlicher Hinsicht davon ausgeht, dass eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts anders als alle sonstigen Gesellschaftsformen nicht zur Aufnahme eines Rechtsformzusatzes in ihren Namen verpflichtet ist, und dass der Verkehr schließlich davon ausgeht, dass Gesellschaften aller anderen Gesellschaftsformen stets ihrer Verpflichtung zur Angabe ihrer Rechtsform nachkommen. Ein derartiges – von komplexen Vorüberlegungen zur Rechtslage und Rechtswirklichkeit getragenes – Verkehrsverständnis existiert nicht.“

Unabhängig von einer gesellschaftsrechtlichen Verpflichtung wie auch die anderen Personenhandels- und Kapitalgesellschaften einen Rechtsformzusatz zu führen, besteht damit bei einer Aufforderung zum Kauf eine lauterkeitsrechtliche Verpflichtung für eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts, sich als Gesellschaft bürgerlichen Rechts zu erkennen zu geben. Auf die Frage, ob sich aus § 19 HGB ein allgemeiner Grundsatz ableiten lässt, wonach die am Rechtsverkehr teilnehmenden Gesellschaften ihre Rechtsform stets offenzulegen haben (MüKoBGB/Schäfer, 7. Aufl. 2017, BGB, § 705, Rn. 274) kommt es damit in diesen Fällen nicht mehr an. Als Rechtsformzusatz dürften möglich sein: „BGB-Gesellschaft“ oder „Gesellschaft bürgerlichen Rechts“ oder, angesichts der Verkehrsdurchsetzung, „GbR“ (vgl. wiederum MüKoBGB/Schäfer, 7. Aufl. 2017, BGB, § 705, Rn. 274).

 

OLG Frankfurt: Aufbrauchsfrist bei wettbewerbsrechtlichem Eilverfahren (Beschluss vom 16. Januar 2020; Az.: 6 W 116/19)

Die sofortige Umsetzung einer Unterlassungsverfügung kann dem Schuldner in der Praxis große Schwierigkeiten bereiten. Es kann in diesen Fällen eine unbillige Härte darstellen, wenn die Unterlassungsverfügung sofort mit Zustellung des Titels uneingeschränkt zu beachten ist. Zum Schutz des Unterlassungsschuldners besteht in diesem Zusammenhang häufig die Möglichkeit, unter Abwägung der gegenseitigen Interessen im Rahmen von § 242 BGB, eine Aufbrauchs- oder Umstellungsfrist zu bewilligen. Dies setzt voraus, dass dem Schuldner durch ein unmittelbares Verbot unverhältnismäßige Nachteile entstünden und die Belange sowohl des Gläubigers als auch der Allgemeinheit durch eine befristete Fortsetzung der Wettbewerbswidrigkeit nicht unzumutbar beeinträchtigt werden (BGH GRUR 1974, 474 (476) – Großhandelshaus; BGH GRUR 1982, 425 (431) – Brillen-Selbstabgabestellen; BGH GRUR 1990, 522 (528) – HBV-Familien- und Wohnungsrechtsschutz, Köhler/Bornkamm/Feddersen/Bornkamm, 38. Aufl. 2020, UWG § 8 Rn. 1.88).

Gerade im Verfügungsverfahren kann eine Aufbrauchsfrist sinnvoll sein. Ist die einstweilige Verfügung im Beschlusswege erlassen worden, erfährt der Schuldner oftmals erst mit der Zustellung etwas von dem drohenden Verbot, das in diesem Moment bereits beachtet werden muss.

Auch das OLG Frankfurt hält die Gewährung einer Aufbrauchsfrist im Eilverfahren für möglich und führt aus:

OLG Frankfurt, Beschluss vom 16. Januar 2020 (Az.: 6 W 116/19):

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6.) Der Antragstellerin war hinsichtlich des Unterlassungsanspruchs der Antragstellerin eine Aufbrauchsfrist zuzubilligen. Eine sofortige Durchsetzung des Unterlassungsanspruchs würde eine unverhältnismäßige Härte darstellen.

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(1) Eine Aufbrauchsfrist als immanente Beschränkung des Unterlassungsanspruchs kommt nur in Betracht, wenn dem Schuldner durch ein unbefristetes Verbot unverhältnismäßige Nachteile entstünden und die Belange sowohl des Gläubigers als auch der Allgemeinheit durch eine befristete Fortsetzung der Wettbewerbswidrigkeit nicht unzumutbar beeinträchtigt werden (BGH GRUR 1990, GRUR 1990,522,528 - HBV-Familien- und Wohnungsrechtsschutz). Im Kern der Prüfung steht eine Abwägung der Interessen des Schuldners auf der einen sowie des Gläubigers und der Allgemeinheit auf der anderen Seite, bei der für den Schuldner schwere Nachteile durch den sofortigen Vollzug des Verbotes erforderlich sind. Dies kommt in Rechtsmittelinstanz oft nicht in Betracht, da sich der Schuldner durch die bisherige Verfahrensdauer auf das drohende Unterlassungsgebot einstellen konnte, so dass die Interessenslage in den Rechtsmittelinstanzen oft die Gewährung einer Aufbrauchsfrist nicht gebietet (BGH GRUR 1974, 474, 476 - Großhandelshaus; OLG Köln NJWE-WettbR 2000, 209, 211; KG WRP 1999, 339, 341 f.; Köhler/Bornkamm/Feddersen/Bornkamm, 38. Aufl. 2020, UWG § 8 Rn.  1.97).

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Als Interesse des Gläubigers ist die Durchsetzung des Unterlassungsanspruchs in die Interessenabwägung einzustellen, wobei zu bemerken ist, dass aufgrund der Gesamtumstände der Verstoß an der unteren Grenze der Spürbarkeit nach § 3 II UWG anzusiedeln ist. Auf der anderen Seite hat die Antragsgegnerin dargelegt und durch eidesstattliche Versicherung glaubhaft gemacht (Anlage AG 9), dass aufgrund der Produktions- und Lieferbedingungen ein Zugriff auf die einzelnen Kartons zum Zwecke des Austauschs der in der Bedienungsanleitung enthaltenden Garantiebedingungen nur mit unverhältnismäßigem Aufwand möglich wäre. Danach werden die in Malaysia hergestellten Geräte dort fertig konfektioniert und in für ganz Europa identischer Aufmachung zum für Zentraleuropa zuständige externen Lager der Fa. X verschifft, von wo sie palettenweise weitergeliefert werden. Der Zugriff auf jeden einzelnen Karton (Entpacken der Paletten, Zugriff auf jeden einzelnen Karton, Entfernung der Zellophanierung, Öffnen des Kartons, Austausch der Bedienungsanleitung, Verschließen, Versiegeln, Zellophanieren) ist damit unverhältnismäßig. Unter diesen Umständen würde die Unterlassungsverpflichtung faktisch zu einem totalen Vertriebsstopp führen, der angesichts des geringen Verstoßes unverhältnismäßig wäre.

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Die Antragsgegnerin hat zudem glaubhaft gemacht, dass aufgrund der dargestellten Lieferumstände eine Änderung der Bedienungsanleitung in Malaysia zu einer Bereitstellung auf dem deutschen Markt nach vier Monaten folgen würde. Da die Antragsgegnerin seit Ende November 2019 Kenntnis von der wettbewerbsrechtlichen Beanstandung durch die Antragstellerin hatte, bestand seit diesem Zeitpunkt die Möglichkeit, eine Änderung herbeizuführen, weshalb die Aufbrauchsfrist bis 01.04.2020 angemessen erscheint.

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(2) Einer Aufbrauchsfrist im Eilverfahren steht auch nicht eine besondere Dringlichkeit der Sache entgegen (so auch Köhler/Bornkamm/Feddersen/Bornkamm, 38. Aufl. 2020, UWG § 8 Rnr. 1.96-1.98; Berlit WRP 1998, 250, 251 f.; Ulrich WRP 1991, 26, 28 f.; Berneke/Schüttpelz Rdn. 354; KG GRUR 1972, 192; OLG Stuttgart WRP 1989, 832; WRP 1993, 536; a.A. noch Senat, WRP 1988, 110, 113). Es sind keine Argumente erkennbar, warum nicht auch im Eilverfahren eine derartige Einschränkung des Unterlassungsanspruchs in Betracht kommen soll. Das Eilverfahren soll nur das Risiko ausgleichen, dass eine Entscheidung im Hauptsacheverfahren für den Gläubiger zu spät kommt und ein endgültiger Rechtsverlust eintritt. Es kann indes dem Gläubiger keinen weitergehenden Unterlassungsanspruch verschaffen als ein Hauptsacheverfahren.“

Entscheidend ist damit allein, dass der Rechtsschutz, welcher im Eilverfahren gewährt wird, nicht weiter reichen darf als derjenige, welcher im Hauptsachverfahren bei Obsiegen des Antragstellers gewährt würde.

Im Übrigen kann der Aspekt der Aufbrauchsfrist dazu führen, dass auch im Verfügungsverfahren (entgegen § 937 Abs. 2 ZPO) ein Termin anzuberaumen ist. Dies gilt insbesondere unter Berücksichtigung der neueren Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts (NJW 2018, 3634 und BVerfG, NJW 2018, 3631), welche noch einmal betont hat, dass die Gerichte durch das Grundrecht auf prozessuale Waffengleichheit (Art. 3 I GG i.V.m. Art. 20 III GG) als Ausprägung des Rechtes auf rechtliches Gehör gem. Art. 103 I GG grundsätzlich gehalten sind, dem Antragsgegner ausreichend  Gelegenheit zu geben, Stellung zu nehmen und auf eine bevorstehende Entscheidung Einfluss zu nehmen (Köhler/Bornkamm/Feddersen/Köhler, 38. Aufl. 2020, UWG, § 12, Rn. 3.23).

Facebook versteht Deutsch im Sinne der EuZustVO (OLG München, Beschluss vom 14.10.2019, Az.: 14 W 1170/19)

Der Beschluss des OLG München vom 14. Oktober 2019 (Az.: 14 W 1170/19) hatte folgenden Hintergrund:

Der Antragsteller hatte eine einstweilige Verfügung gegen Facebook beim Landgericht Kempten erwirkt und die Zustellung der einstweiligen Verfügung samt Anlagen durch das Gericht gemäß §§ 191, 183 Abs. 1 Nr. 1 und 1069 Abs. 1 Nr. 1 ZPO i.V.m. Art. 4 EuZustVO in Irland beantragt.

Wie das in Amsterdam angesiedelte Unternehmen Uber BV angesichts einer Verfügung des Landgerichts Köln, verweigerte auch Facebook die Annahme der Verfügung unter Berufung auf Art. 8 Abs. 1 EuZustVO mit dem Argument, es sei keine Übersetzung beigefügt.

Das OLG München befand, dass die Verfügung trotzdem wirksam zugestellt worden sei, da davon auszugehen sei, dass Facebook Deutsch verstehe:

Beschluss des OLG München vom 14. Oktober 2019, Az.: 14 W 1170/19, Rn. 45 ff:

"Die sofortige Beschwerde ist auch begründet. Die einstweilige Verfügung vom 26.04.2019 ist der Antragsgegnerin wirksam zugestellt worden. Die Voraussetzungen einer berechtigten Annahmeverweigerung nach Art. 8 Abs. 1 EuZustVO sind nicht erfüllt, da die Antragsgegnerin nach der Überzeugung des Beschwerdegerichts die deutsche Sprache i.S.d. Art. 8 Abs. 1 lit. a) EuZustVO versteht.

(...)

b) Im Hinblick auf den anzuwendenden Prüfungsmaßstab ist zu berücksichtigen, dass der Erlass der EuZustVO u.a. auf der Erwägung beruhte, dass für das reibungslose Funktionieren des Binnenmarkts die Übermittlung gerichtlicher und außergerichtlicher Schriftstücke in Zivil- oder Handelssachen, die in einem anderen Mitgliedsstaat zugestellt werden sollten, zwischen den Mitgliedsstaaten verbessert und beschleunigt werden müsste (Erwägungsgrund 2). Um die Wirksamkeit der Verordnung zu gewährleisten, sollte die Möglichkeit, die Zustellung von Schriftstücken zu verweigern, auf Ausnahmefälle beschränkt werden (Erwägungsgrund Nr. 10).

(...)

c) Bei juristischen Personen ist nicht formaljuristisch auf die Sprachkenntnisse ihrer Organe abzustellen. Maßgeblich sind insoweit die tatsächlich im Unternehmen vorhandenen und verfügbaren Fähigkeiten, auf die der Empfänger in zumutbarer Weise zugreifen kann (OLG Frankfurt a.M., GRUR-RR 2015, 183, 184; OLG Köln, EuZW 2019, 750, Rdnr. 6; LG Heidelberg, BeckRS 2018, 41758, Rdnr. 6; LG Offenburg, BeckRS 2018, 23801, Rdnr. 25; AG Erding, BeckRS 2014, 16268, unter Ziffer I. der Entscheidungsgründe; Musielak/Voit/Stadler, Art. 8 EuZustVO, Rdnr. 4; MüKo ZPO/Rauscher, Art. 8 EuZustVO, Rdnr. 12). Betreibt ein Unternehmen in einem bestimmten Staat Geschäfte in größerem Umfang, kann grundsätzlich davon ausgegangen werden, dass es Mitarbeiter hat, die sich um rechtliche Auseinandersetzungen mit den in diesem Staat ansässigen Kunden kümmern und jedenfalls über ausreichende Kenntnisse der Sprache verfügen, in der die Geschäfte mit den betreffenden Kunden abgewickelt werden (vgl. OLG Köln, a.a.O.; LG Heidelberg, a.a.O.; LG Offenburg, a.a.O.; AG Berlin-Mitte, MMR 2017, 497, Rdnr. 6). Ferner begründet die Tatsache, dass ein Unternehmen sich zur Vertragsabwicklung in einer bestimmten Sprache verpflichtet hat, die widerlegliche Vermutung, dass auch in einem Rechtsstreit mit dem Vertragspartner Zustellungen in dieser Sprache vorgenommen werden dürfen und verstanden werden (vgl. Musielak/Voit/Stadler, Art. 8 EuZustVO, Rdnr. 4).

Daraus ergibt sich nicht, dass bezüglich juristischer Personen, die Geschäfte im Ausland betreiben, das Übersetzungserfordernis stets entfiele - was im Hinblick auf die Regelung des Art. 8 EuZustVO zweifelhaft erschiene (vgl. LG Essen, Beschluss vom 31.05.2019, Az.: 16 O 48/19, unter Ziffer II. der Gründe; LG München I, Beschluss vom 18.04.2019, Az.: 29 O 12576/18, unter Ziffer I. der Gründe). Vielmehr ermöglicht eine auf der Grundlage der Umstände des Einzelfalles vorzunehmende Abwägung die Findung eines für den jeweiligen Einzelfall sachgerechten Ergebnisses.

d) Im Rahmen der vorzunehmenden Gesamtabwägung ist im konkreten Fall Folgendes zu berücksichtigen:

Nach dem Vortrag des Antragstellers verfügt die Antragsgegnerin in Deutschland über 31 Mio. Kunden. Sie unterhält ihr Angebot vollständig in deutscher Sprache und stellt alle Vertragsunterlagen (Gemeinschaftsstandards und Nutzungsbedingungen) in deutscher Sprache zur Verfügung. In Ziffer 4. ihrer Nutzungsbedingungen hat sie die Geltung deutschen Rechts und die Zuständigkeit der deutschen Gerichte in Verbrauchersachen vereinbart. Die Antragsgegnerin betreibt ferner eine deutschsprachige Homepage, auf der u.a. der vom Antragsteller zitierte NetzDG-Transparenzbericht vom 27.08.2018 eingestellt ist.

(...)

Aufgrund des oben unter Punkt c) dargelegten Prüfungsmaßstabs kann die Antragsgegnerin sich auch nicht darauf berufen, dass kein Mitglied ihrer Rechtsabteilung die Sprachkenntnisse besitze, die erforderlich seien, um ohne Unterstützung eines externen Beraters eine Beschwerde, Gerichtsbeschlüsse oder Mitteilungen auf Deutsch vollumfänglich zu verstehen oder die Antragsgegnerin aktiv auf Deutsch zu verteidigen. (...) Aufgrund des o.g. Gesamtbildes ist das Beschwerdegericht (...) davon überzeugt, dass für die Betreuung deutscher Kunden - ggf. durch eine weitere zum Facebook-Konzern gehörende Gesellschaft - Mitarbeiter mit entsprechenden Sprachkenntnissen vorhanden sind. Dass derartige personelle Ressourcen im Rahmen von Rechtsstreitigkeiten mit deutschen Kunden nicht auch durch die Antragsgegnerin als formale Vertragspartnerin dieser Kunden genutzt werden könnten, ist für das Beschwerdegericht nicht vorstellbar, zumal davon auszugehen ist, dass bei einer Zahl von 31 Mio. in Deutschland ansässigen Facebook-Kunden Rechtsstreitigkeiten vor deutschen Gerichten in einer Größenordnung anfallen, die es schon aus wirtschaftlichen Gründen naheliegend erscheinen lässt, entsprechend qualifizierte deutschsprachige Mitarbeiter zu beschäftigen.

Dass deutschsprachige Juristen zur Bearbeitung der rechtlichen Fragestellungen, die sich im Zusammenhang mit den mit in Deutschland ansässigen Facebook-Nutzern geschlossenen Verträgen ergeben, zur Verfügung stehen, ergibt sich im Übrigen auch aus dem vom Antragsteller zitierten NetzDG-Transparenzbericht vom 27.08.2018. (...).

e) (...) Nach § 179 Satz 3 ZPO gilt die einstweilige Verfügung damit als zugestellt (vgl. LG Heidelberg, BeckRS 2018, 41758, Rdnr. 8; a.a.O., Geimer/Schütze/ Okonska, Art. 8 EuZustVO, Rdnr. 94; MüKo ZPO/Rauscher, Art. 8 EuZustVO, Rdnr. 18)."

(Hervorhebungen hier)

Volltext des Beschlusses: OLG München, Beschluss vom 14.10.2019, 14 W 1170/19

IFG NRW: Offenlegung des Tour-de-France-Vertrages (VG Düsseldorf, Urteil vom 21.10.2019, Az. 29 K 2845/18)

Mit Urteil vom 21.10.2019, Az. 29 K 2845/18, entschied das VG Düsseldorf, dass die Stadt Düsseldorf den Vertrag, den sie bzgl. der Durchführung die Tour-de-France 2017 in Düsseldorf mit der französischen Gesellschaft Amaury Sport Organisation (A.S.O.) geschlossen hatte, nach Informationsfreiheitsgesetz Nordrhein-Westfalens (IFG NRW) offenlegen muss. Der Anspruch wurde von einem Journalisten geltend gemacht. Das Gericht stellte zunächst fest, dass das Informationsrecht der Presse gemäß § 4 Abs. 1 PresseG NRW den Anspruch aus § 4 Abs. 1 IFG NRW nicht verdrängt:

"Der presserechtliche Auskunftsanspruch bezweckt eine Privilegierung der Presse gegenüber sonstigen Auskunftssuchenden. Er soll der Presse ermöglichen, ihre verfassungsrechtlich garantierte Funktion der Berichterstattung im Interesse einer politischen Willensbildung des Volkes auch über Vorgänge im staatlichen Bereich zu erfüllen. In der freiheitlichdemokratischen Grundordnung soll das Informationsrecht der Presse die Behörden zu einem Verhalten veranlassen, das in Angelegenheiten von öffentlichem Interesse von Offenheit geprägt ist.

Diesem Regelungszweck entspricht es, Pressevertretern neben dem presserechtlichen Auskunftsanspruch auch weitere gesetzlich vorgesehene Informationsansprüche zu eröffnen, die der demokratischen Willensbildung des Volkes dienen sollen. Das ist bei dem jedermann zustehenden Informationsanspruch nach dem Informationsfreiheitsgesetz der Fall. Seine Einführung beruht darauf, dass die bloße Möglichkeit, sich aus allgemein zugänglichen Quellen zu informieren, nicht mehr als ausreichend angesehen wird, um sich mit hinreichender Sachkenntnis an Entscheidungsprozessen auf Landes- und auf kommunaler Ebene zu beteiligen, Entwurf eines Gesetzes über die Freiheit des Zuganges zu Informationen für das Land Nordrhein-Westfalen, LT-Drucks. 13/1311 vom 12. Juni 2011, S. 1.

Zudem wäre es mit der in Art. 5 Abs. 1 Satz 2 GG gewährleisteten Pressefreiheit nicht vereinbar, einen Informationszugang, der jedem Bürger offen steht, für Journalisten zu versperren. Der Staat ist verpflichtet, in seiner Rechtsordnung überall dort, wo der Geltungsbereich einer Norm die Presse berührt, dem Postulat ihrer Freiheit Rechnung zu tragen.

Die Pressefreiheit gebietet zwar nicht die Eröffnung einer Informationsquelle. Insoweit reicht die Pressefreiheit nicht weiter als die Informationsfreiheit des Art. 5 Abs. 1 Satz 1 GG, die den Zugang zu allgemein zugänglichen Informationsquellen gegen staatliche Beschränkungen sichert. Jedoch umfasst das Grundrecht ein gegen den Staat gerichtetes Recht auf Informationszugang in Fällen, in denen eine im staatlichen Verantwortungsbereich liegende Informationsquelle auf Grund rechtlicher Vorgaben zur öffentlichen Zugänglichkeit bestimmt ist."

Zudem stellt das Gericht fest, dass einer Offenlegung des Vertrages auch § 8 Satz 1 IFG NRW nicht entgegenstehe. Nach dieser Vorschrift ist der Antrag auf Informationszugang abzulehnen, soweit durch die Übermittlung der Information ein Betriebs- oder Geschäftsgeheimnis offenbart wird und dadurch ein wirtschaftlicher Schaden entsteht. Ein schützenswertes Geheimhaltungsinteresse folge jedoch weder aus der vertraglichen Vertraulichkeitsvereinbarung zwischen den Vertragsparteien - andernfalls stünde § 4 Abs. 1 IFG NRW vollständig zur Disposition der Parteien - noch habe die Beklagte hinreichend dargelegt, welche konkreten Betriebs- oder Geschäftsgeheimnisse im Falle der Offenlegung des streitgegenständlichen Vertrages betroffen wären:

"Der pauschale und nicht näher substantiierte Hinweis, der Vertrag enthalte detaillierte Regelungen zur Durchführung der Tour de France, genügt hierfür nicht ansatzweise. Daraus lassen sich keine Rückschlüsse darauf ziehen, welches exklusive technische oder kaufmännische Wissen der Beigeladenen offenbart würde. Auch in der mündlichen Verhandlung hat die Beklagtenvertreterin lediglich einzelne Themenkomplexe des Vertrages aufgezählt, ohne deren Inhalte zu konkretisieren und/oder näher darzulegen, welche Regelungen aus welchen Gründen schutzwürdig sein sollen.

Ungeachtet dessen ist nicht ersichtlich, warum es der Beklagten nicht möglich sein soll, die Offenbarung etwaiger Betriebs- oder Geschäftsgeheimnisse der Beigeladenen durch entsprechende Schwärzungen zu verhindern. Dies gilt vor allem, da nach Angaben der Beklagten bereits eine Fülle von Vertragsinhalten in der Pressemitteilung vom 16. Februar 2016 veröffentlicht wurden, was darauf schließen lässt, dass - auch aus Sicht der Beklagten - nicht sämtliche Vertragsbestandteile geheimhaltungsbedürftig sein können."

Selbst bei einem schutzwürdigen Interesse der Stadt, überwiege aber jedenfalls das Interesse der Allgemeinheit an der Gewährung des Informationszugangs, § 8 Satz 3 IFG NRW. Dazu führt das Gericht aus:

"Selbst wenn dies anders zu beurteilen wäre, bestünde jedenfalls ein überwiegendes Allgemeininteresse im Sinne von § 8 Satz 3 IFG NRW an der Offenlegung des streitgegenständlichen Vertrages. Denn er regelt die Durchführung und Finanzierung des Grand Départ im Rahmen der Tour de France 2017 in Düsseldorf, die kontrovers im Rat der Stadt Düsseldorf diskutiert wurde und erhebliche mediale Aufmerksamkeit erfahren hat.

(...)

Zudem liegt der Informationszugang im Hinblick auf die Verwendung öffentlicher Gelder - unabhängig von dem Verdacht des Missbrauchs von Ämtern und/oder Steuergeldern - regelmäßig im Allgemeininteresse, zumal ein etwaiger Missbrauch ohne Kenntnis der maßgeblichen Informationen gar nicht festgestellt werden könnte."

Das vollständige Urteil finden Sie hier.

UberX: Einstweilige Verfügung seit Juli 2019 nicht zugestellt

Der Dienst "UberX" verstößt nach summarischer Prüfung des Landgerichts Köln gegen das Personenbeförderungsgesetz. Daher hatte das Gericht den Betrieb des Dienstes bereits im Juli per einstweiliger Verfügung, aus Dringlichkeitsgründen ohne mündliche Verhandlung, untersagt. Dennoch kann UberX in Deutschland weiterhin ohne Einschränkungen genutzt werden. Grund dafür ist, dass die Verfügung nach aktuellen Presseberichten noch immer nicht bei der Uber BV in Amsterdam zugestellt werden konnte. Wenn ein gerichtliches oder außergerichtliches Schriftstück in einer Zivil- oder Handelssache aus einem EU-Mitgliedstaat zum Zwecke der Zustellung in einen anderen EU-Mitgliedstaat zu übermitteln ist, findet die EU-Zustellungsverordnung („Verordnung (EG) Nr. 1393/2007 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 13. November 2007 über die Zustellung gerichtlicher und außergerichtlicher Schriftstücke in Zivil- oder Handelssachen in den Mitgliedstaaten (Zustellung von Schriftstücken) und zur Aufhebung der Verordnung (EG) Nr. 1348/2000 des Rates“) Anwendung.

Nach Art. 8 Abs. 1 ZVO kann die Annahme eines gerichtlichen Schriftstückes verweigert werden, wenn keine Übersetzung in einer der folgenden Sprachen beigefügt ist:

a) einer Sprache, die der Empfänger versteht,

oder

b) der Amtssprache des Empfangsmitgliedstaats oder, wenn es im Empfangsmitgliedstaat mehrere Amtssprachen gibt, der Amtssprache oder einer der Amtssprachen des Ortes, an dem die Zustellung erfolgen soll.

Die Uber BV stellt sich offenbar auf den Standpunkt, dass sie den deutschsprachigen Beschluss nicht versteht und der Beschluss scheint nicht in Holländisch beigefügt gewesen zu sein. Vor diesem Hintergrund wurde die Annahme des Schriftstücks verweigert.

Wilke-Wurst: Keine Auskunft nach VIG im Eilverfahren (Beschluss des VG Kassel vom 11. Oktober 2019, Az.: 4 L 2482/19.KS)

Das Verwaltungsgericht Kassel hat mit Beschluss vom 11. Oktober 2019 Eilanträge des Foodwatch e.V. sowie dessen Geschäftsführer abgelehnt, mit  welchen sie Auskunftsansprüche nach dem Verbraucherinformations- sowie dem Hessischen Pressegesetz gegenüber dem Landkreises Waldeck-Frankenberg verfolgt und Auskunft über sämtliche bekannten Abnehmer der von einem Rückruf der Firma Wilke betroffenen Produkte begehrt haben.

Die zulässigen Anträge seien unbegründet, da sie auf die im Eilverfahren unzulässige Vorwegnahme der Hauptsache zielten. Würde eine Verpflichtung zur Erteilung der begehrten Auskunft ausgesprochen, käme dies einer endgültigen im Hauptsacheverfahren nicht mehr rückgängig zu machenden Entscheidung gleich. Eine solche Regelung zu treffen komme nur in Betracht, wenn ein Obsiegen in der Hauptsache als nahezu sicher erschiene oder schwere und irreversible Nachteile, insbesondere existentielle Gefahren für Leben und Gesundheit, drohten.

1. Zum einen sei ein Obsiegen in der Hauptsache jedoch nicht zu Erwarten.

Ein Auskunftsanspruch nach dem Hessischen Pressegesetz (§ 3 HPresseG) scheide schon deshalb aus, da der Geschäftsführer des Foodwatch e.V. kein Journalist sei.

Auch ein Anspruch nach § 2 Verbraucherinformationsgesetz (VIG) habe keine Aussicht auf Erfolg, denn in Betracht komme vorliegend allein ein Anspruch gemäß § 2 Abs. 1 Nr. 1 oder Nr. 4 VIG:

(1) Jeder hat nach Maßgabe dieses Gesetzes Anspruch auf freien Zugang zu allen Daten über
1.
von den nach Bundes- oder Landesrecht zuständigen Stellen festgestellte nicht zulässige Abweichungen von Anforderungen
a)
des Lebensmittel- und Futtermittelgesetzbuches und des Produktsicherheitsgesetzes,
(...)
4.
die Kennzeichnung, die Herkunft, die Verwendung, das Herstellen und das Behandeln von Erzeugnissen und Verbraucherprodukten,

Beide Fälle hält das Gericht jedoch für nicht anwendbar und führt aus:

"...so sind die begehrten Informationen über Abnehmer und Verkauf- bzw. Abgabestellen, also über die Lieferkette der Produkte, jedoch keine Daten über die festgestellte Abweichung, da sie nicht die Umstände des Listerien-Befalls als solches betreffen. Die festgestellte Abweichung betrifft gerade nicht den Prozess der Lieferung, sondern allein den der Herstellung. Durch die öffentliche Lebensmittelwarnung ist die Information über den Umstand des Listerien.-Befalls bereits erfolgt.

Die Informationen über Abnehmer und Verkaufs- bzw. Abgabestellen sind auch keine Daten über die Maßnahme oder Entscheidung, die im Zusammenhang mit der festgestellten Abweichung getroffen worden sind. Hierunter fallen vielmehr die von den zuständigen Behörden getroffenen Maßnahmen wie der angeordnete Rückruf der Produkte und die Information der Öffentlichkeit über die betroffenen Produkte und Marken. 

Auch die allenfalls noch in Betracht kommende Fallgruppe des Zugangs zu Daten über die Behandlung von Erzeugnissen im Sinne des § 2 Abs. 1 Nr. 4 VIG umfasst nach der Legaldefinition des § 3 Nr. 3 LFGB [Lebensmittel-, Bedarfsgegenstände- und Futtermittelgesetzbuch] gerade nicht die Abnehmer und Verkaufs-. und Abgabestellen. Danach ist unter dem Begriff des Behandelns das Wiegen, Messen, Um- und Abfüllen, Stempeln, Bedrucken, Verpacken, Kühlen, Gefrieren, Tiefgefrieren, Auftauen, Lagern, Aufbewahren, Befördern sowie jede sonstige Tätigkeit, die nicht als Herstellen oder Inverkehrbringen anzusehen ist zu verstehen. (...)"

Zudem lägen die begehrten Informationen ausweisliche der Pressemitteilung des Antragsgegners vom 7. Oktober 2019 bei diesem nicht vor.

2. Zum zweiten drohten auch keine schweren, unzumutbaren, anders nicht abwendbaren Nachteile. Das VIG diene nicht der "akuten Verbraucherwarnung", was schon dadurch deutlich werde, dass § 5 Abs. 2 VIG eine Bescheidungsfrist von einem Monat, im Fall der Beteiligung von Dritten sogar von zwei Monaten, vorsehe.

Quelle: Beschluss des VG Kassel vom 11. Oktober 2019, Az.: 4 L 2482/19.KS

BVerwG: Voten von Berichterstattern unterfallen dem Vertraulichkeitsschutz des IFG (Urteil vom 09.05.2019, Az.: 7 C 34/17)

Mit Urteil vom 9. Mai 2019 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht, dass die Voten der Berichterstatter von Beschlussabteilungen des Bundeskartellamts dem Vertraulichkeitsschutz gem. § 3 Nr. 3 b) IFG unterliegen. Die Beratungen des Bundeskartellamtes würden bei Veröffentlichung der Voten beeinträchtigt.

Zunächst stellte das Bundesverwaltungsgericht fest, dass die Voten der Berichterstatter Teil der Beratungen des Beschlussabteilungen des Bundeskartellamts seien:

"14 Vor diesem Hintergrund ist das Votum des Berichterstatters einer Beschlussabteilung des Bundeskartellamts dem Beratungsvorgang zuzuordnen. Gemäß § 51 Abs. 2 und 3 GWB werden die Entscheidungen des Bundeskartellamts durch die Beschlusskammern getroffen; diese entscheiden in der Besetzung von einem Vorsitzenden und zwei Beisitzenden. Nach den tatsächlichen Feststellungen des Berufungsgerichts wird die Entscheidung der Beschlussabteilung regelmäßig durch das Votum des Berichterstatters vorbereitet. Dieses setzt sich danach typischerweise aus einer Sachverhaltsschilderung, die in der Regel auch Beweiswürdigungselemente enthält, einer rechtlichen Würdigung, einem Entscheidungsvorschlag, Zweckmäßigkeitserwägungen und gegebenenfalls Erwägungen zum weiteren kartellrechtlichen Vorgehen zusammen. Die Beschlussabteilungen entscheiden in fachlicher Unabhängigkeit. Innerhalb der Beschlusskammer haben die drei Mitglieder dasselbe Stimmrecht. Mit diesen Vorkehrungen wird sichergestellt, dass weder von außen noch durch den Präsidenten des Bundeskartellamts Einfluss auf den Inhalt der Entscheidung genommen wird (...).

15 Das Votum stellt einen zentralen Bestandteil des Beratungsvorgangs dar. Das wird besonders deutlich, wenn man mit der Revision den dialogischen Charakter der Beratung hervorhebt. Denn das Votum ist regelmäßig der "erste Aufschlag", der die anderen Mitglieder der Beschlussabteilung in die Lage versetzt, hierauf zu reagieren, den Vorschlag und die ihm zugrunde liegenden Überlegungen zu kommentieren, ihnen zu widersprechen oder zuzustimmen. Anders als von der Revision angenommen steht das Votum nicht außerhalb des Dialogs der Beschlussabteilung, nur weil es von einem einzelnen Autor (dem Berichterstatter) vor der mündlichen Beratung erstellt wird. Das Votum mag ohne Dialog entstanden sein. Auf die Entstehung kommt es aber nicht an, sondern auf seinen Zweck und seine Verwendung. Das Votum bildet auch nach den Feststellungen des Berufungsgerichts den zentralen Bestandteil des Dialogs der Beschlussabteilung; durch das Votum wird die spätere Beratung strukturiert und gelenkt. Dadurch dass vorliegend das Votum von einem Mitglied des zur Entscheidung berufenen und unabhängigen Kollegialorgans für die Beratung dieses Gremiums erstellt wird, unterscheidet es sich von den von dem Kläger angeführten (Ausschuss)Vorlagen, die nicht selbst entscheidungsbefugte Verwaltungsmitarbeiter für Beratungen erstellen."

(Hervorhebung hier)

Aufgrund des in § 51 Abs. 2 und 3 GWB normierten Kollegialprinzips seien die Beratungen auch vertraulich. Dies gelte auch über den Abschluss der Beratungen hinaus. Dem stehe § 4 IFG nicht entgegen, denn § 3 IFG normiere eigenständige Ausschlussgründe, welche unabhängig von § 4 IFG zu beurteilen seien, nach welchem ein Antrag auf Informationszugang abgelehnt werden soll, solange durch die vorzeitige Bekanntgabe der Informationen der Erfolg der Entscheidung oder bevorstehender behördlicher Maßnahmen vereitelt würde. Zum Ausschlussgrund des § 3 Nr. 3b) IFG im Hinblick auf die Voten der Berichterstatter in den Beschlussabteilungen des Bundeskartellamts führt das Gericht aus:

"22 Hier wäre der Prozess der Meinungsbildung auch über den Abschluss des konkreten Verfahrens hinaus gefährdet, wenn das schriftliche Votum als maßgeblicher Beratungsbeitrag eines Mitglieds der Beschlussabteilung, die als Kollegialorgan entscheidet, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht würde und der getroffenen Entscheidung gegenüber gestellt werden könnte. So könnten Rückschlüsse auf den Prozess der Meinungsbildung innerhalb des Kollegialorgans ermöglicht werden, die der offenen Meinungsbildung in zukünftigen Verfahren abträglich sind. Im Wissen um die spätere Publizität wäre ein offener und unbefangener Meinungsaustausch, in dessen Rahmen auch noch nicht abschließend durchdachte Argumente in das Votum und die Diskussion einfließen, nicht gewährleistet. Das würde die Qualität und die gesetzlich vorgesehene Art der Entscheidungsfindung beeinträchtigen. Ein Berichterstatter wäre bei der Abfassung seines Votums gezwungen, nicht nur die für das konkrete Zusammenschlussverfahren maßgeblichen Aspekte in den Blick zu nehmen, sondern er müsste zugleich erwägen, welchen Einfluss die nachträgliche Publizität des Votums auf andere Verfahren und gegebenenfalls auch auf seine Rolle bei weiteren Berichterstattungen für das Bundeskartellamt haben könnte. (...)

23 Durch die Berücksichtigung der einengenden Vorwirkungen einer möglichen Publizität auf die Erstellung der Voten wird keine dem gesetzgeberischen Willen widersprechende Teilbereichsausnahme von der grundsätzlichen Informationspflicht der Bundesbehörden geschaffen. Die Prognose hinsichtlich der Beeinträchtigung der Beratungen von Behörden kann auch auf allgemeinen Erfahrungswerten beruhen (BVerwG, Urteile vom 15. November 2012 - 7 C 1.12 - NVwZ 2013, 431 Rn. 41 und vom 30. März 2017 - 7 C 19.15 - Buchholz 404 IFG Nr. 23 Rn. 17). Keinesfalls stellt dieses Verständnis des Ausschlussgrundes eine Teilbereichsausnahme bezogen auf die Gesamttätigkeit des Bundeskartellamts dar. Erfasst wird allein der interne Entscheidungsprozess der Beschlussabteilungen des Bundeskartellamts.

(Hervorhebung hier)

Ergänzend verweist das Gericht darauf, dass die Beratungen auch deswegen beeinträchtigt würden, weil zwischen den Beteiligten möglicherweise die Übernahme weiterer Unternehmensanteile geplant sei und die Publizität des Votums daher das (weitere) Beratungsverfahren in seinem Ergebnis beeinflussen könnte.

Das Votum sei auch nicht teilweise öffentlich zugänglich zu machen:

"25 Das Votum des Berichterstatters ist dem Kläger auch nicht teilweise zugänglich zu machen. Insoweit mangelt es schon an einer Teilbarkeit des Votums. Die rechtliche Würdigung, der Entscheidungsvorschlag und die Zweckmäßigkeitserwägungen sind ihrem Charakter nach subjektiv wertend und somit Kernbestandteil der Meinungsbildung des Kollegialorgans. Aber auch die die maßgeblichen Fakten aufführende Sachverhaltsschilderung kann nicht sinnvoll von den wertenden Elementen getrennt werden. Das folgt zum einen schon daraus, dass durch die Auswahl und Gewichtung der präsentierten Fakten notwendigerweise subjektive Wertungen des Berichterstatters erkennbar werden können. Zum anderen enthält die Sachverhaltsschilderung nach den Feststellungen des Berufungsgerichts auch Beweiswürdigungselemente, die ebenfalls subjektiv wertend geprägt sind."

Quelle: BVerwG, Urteil vom 09.05.2019, Az.: 7 C 34/17 (den Volltext finden sie hier: https://www.bverwg.de/090519U7C34.17.0)

Uploadfilter: EU-Kommission lädt zum Stakeholderdialog

Die EU-Kommission hatte zur Erarbeitung von Leitlinien für die Umsetzung von Art. 17 der Richtlinie über das Urheberrecht und die verwandten Schutzrechte im digitalen Binnenmarkt (RL EU 2019/790) Plattformen und Rechteinhaber zur ersten Sitzung des Stakeholderdialogs geladen.

Eine Teilnehmerliste findet sich hier: file:///C:/Users/ftesch/Downloads/InvitedOrganisationsArt17StakeholderDialoguepdf.pdf .

"Die Interessenvertreter werden über Best Practices diskutieren, wie Content-Sharing-Plattformen und Serviceprovider mit Rechteinhabern zusammenarbeiten sollten. Dieser Dialog wird im Rahmen der neuen Richtlinie beantragt und wird in die Ausarbeitung von Leitlinien für die Anwendung von Artikel 17 einfließen. Die Europäische Kommission hat Stakeholder-Organisationen zur Teilnahme eingeladen, basierend auf Kriterien, die in der Aufforderung zur Interessenbekundung für die Teilnahme am Stakeholderdialog [https://ec.europa.eu/digital-single-market/en/news/organisation-stakeholder-dialogue-application-article-17-directive-copyright-digital-single ]aufgeführt sind."

Quelle: Pressemitteilung der EU-Kommission vom 14. Oktober 2019

Ergänzung, 08.11.2019: Es folgte ein zweites Treffen am 5. November. Schwerpunkt der Diskussion im zweiten Treffen waren audiovisuelle, sportliche, visuelle und Textthemen (Bücher, Presse, Nachrichten).

Beleidigungen: Plattformen müssen auch ähnliche Äußerungen suchen und löschen (EuGH, Urteil vom 03. Oktober 2019, Rs C-18/18 - Eva Glawischnig-Piesczek/Facebook Ireland Limited)

Mit seinem Urteil vom 03. Oktober 2019 in der Rechtssache C-18/18 - Eva Glawischnig-Piesczek/Facebook Ireland Limited  entschied der Gerichtshof der Europäischen Union, dass es einem Gericht eines Mitgliedstaats nicht verwehrt ist, einem Hosting-Anbieter wie etwa Facebook aufzugeben, im Fall von Beleidigungen auch "sinngleiche" Inhalte zu löschen.

Auszüge aus der Pressemitteilung des EuGH Nr. 128/19 zum Urteil in der Rechtssache C-18/18 - Eva Glawischnig-Piesczek/Facebook Ireland Limited vom 03. Oktober 2019:

"Mit seinem heutigen Urteil antwortet der Gerichtshof (...), dass die Richtlinie über den elektronischen Geschäftsverkehr [Richtlinie 2000/31/EG; erg. v. Verf.], (...), es einem Gericht eines Mitgliedstaats nicht verwehrt, einem Hosting-Anbieter aufzugeben,

▪ die von ihm gespeicherten Informationen, die den wortgleichen Inhalt haben wie
Informationen, die zuvor für rechtswidrig erklärt worden sind, zu entfernen oder den Zugang zu ihnen zu sperren, unabhängig davon, wer den Auftrag für die Speicherung der Informationen gegeben hat;
▪ die von ihm gespeicherten Informationen, die einen sinngleichen Inhalt haben wie
Informationen, die zuvor für rechtswidrig erklärt worden sind, zu entfernen oder den Zugang zu ihnen zu sperren, sofern die Überwachung und das Nachforschen der von einer solchen Verfügung betroffenen Informationen auf solche beschränkt sind, die eine Aussage vermitteln, deren Inhalt im Vergleich zu dem Inhalt, der zur Feststellung der Rechtswidrigkeit geführt hat, im Wesentlichen unverändert geblieben ist, und die die Einzelheiten umfassen, die in der Verfügung genau bezeichnet worden sind, und sofern die Unterschiede in der Formulierung dieses sinngleichen Inhalts im Vergleich zu der Formulierung, die die zuvor für rechtswidrig erklärte Information ausmacht, nicht so geartet sind, dass sie den Hosting-Anbieter zwingen, eine autonome Beurteilung dieses Inhalts vorzunehmen (so kann der Hosting-Anbieter auf automatisierte Techniken und Mittel zur Nachforschung zurückgreifen);
▪ im Rahmen des einschlägigen internationalen Rechts, dessen Berücksichtigung Sache der Mitgliedstaaten ist, weltweit die von der Verfügung betroffenen Informationen zu entfernen oder den Zugang zu ihnen zu sperren."

Die Entscheidung erwähnt Content-Filter ("automatisierte Techniken und Mittel zur Nachforschung") als Hilfestellung für die Plattformbetreiber (ähnlich den Filtern wie Sie voraussichtlich nach Umsetzung der Urheberrechtsrichtlinie (EU) 2019/790  im Urheberrecht vermehrt zum Einsatz kommen werden). Derzeit aber scheinen Content-Filter noch nicht weit genug entwickelt, um die Zulässigkeit von Meinungsäußerungen in ihrem konkreten Kontext zuverlässig zu beurteilen. Abhilfe soll der von der Kommission geplante "Digital Services Act" schaffen, welcher die Plattformbetreiberhaftung insgesamt neu regeln soll.

Die Definition der "sinngleichen" Inhalte als solchen, welche unter anderem genau die Einzelheiten aufweisen, welche in der Verbotsanordnung benannt wurden, betont die zukünftig noch erhöhte Bedeutung einer ausführlichen und detaillierten Begründung von Verbotsentscheidungen.

Die Entscheidung steht nicht im Widerspruch zur der kürzlichen ergangen Entscheidung in der Rechtssache C-507/17 - Google LLC als Rechtsnachfolgerin der Google Inc. vom 24. September 2019, in welcher der EuGH feststellte, dass sich aus dem Europarecht keine Verpflichtung für einen Suchmaschinenbetreiber ergebe, rechtsverletzende personenbezogene Daten weltweit zu löschen. Hier wie dort betont der Gerichtshof, dass sich eine weltweite Verpflichtung zwar nicht unmittelbar aus dem Europarecht ergebe, das Europarecht einer weltweiten Löschungsverpflichtung durch die Mitgliedstaaten aber auch nicht entgegenstehe.

Quelle: Pressemitteilung des Europäischen Gerichtshofs 128/19 (https://curia.europa.eu/jcms/jcms/Jo2_7052/de/)

DSGVO: Google zur Auslistung in der EU und ergänzend zu flankierenden Maßnahmen verpflichtet (EuGH, Urteil vom 24. September 2019, Rs C-507/17)

In seinem Urteil vom 24. September 2019, Rechtssache C-507/17, entschied der EuGH, dass eine unionsrechtliche Verpflichtung zur Auslistung aufgrund rechtswidriger Verarbeitung personenbezogener Daten auf das Hoheitsgebiet der Union beschränkt ist.

Zwar führt der Gerichtshof aus, dass angesichts einer globalisierten Welt auch die Listung von Inhalten im Rahmen einer Nicht-EU-Version einer Suchmaschine erhebliche Auswirkungen in den Mitgliedsstaaten haben kann, wenn bspw. die betroffene Person ihren Interessenschwerpunkt in der EU hat, dennoch gelte Folgendes:

Auszüge aus der Pressemitteilung des EuGH Nr. 112/19 zum Urteil in der Rechtssache C-507/17, Google LLC als Rechtsnachfolgerin der Google Inc., vom 24. September 2019:

"Aus den Vorschriften ergibt sich jedoch nicht, dass der Unionsgesetzgeber (...) entschieden hätte, den (...) Rechten des Einzelnen eine Reichweite zu verleihen, die über das Hoheitsgebiet der Mitgliedstaaten hinausgeht. Es ergibt sich (...) auch nicht, dass er einem Wirtschaftsteilnehmer wie der Google Inc. eine Pflicht zur Auslistung hätte auferlegen wollen, die auch für die nicht mitgliedstaatlichen nationalen Versionen seiner Suchmaschine gilt. Das Unionsrecht sieht zudem keine Instrumente und Kooperationsmechanismen im Hinblick auf die Reichweite einer Auslistung über die Union hinaus vor."

Eine Auslistungsverpflichtung bezieht sich damit nicht auf alle Versionen einer Suchmaschine, sondern nur auf die mitgliedstaatlichen. Wohl aber sei der Suchmaschinenbetreiber zu die Auslistung flankierenden Maßnahmen verpflichtet:

"Das Unionsrecht verpflichtet den Suchmaschinenbetreiber jedoch, eine solche Auslistung in allen mitgliedstaatlichen Versionen seiner Suchmaschine vorzunehmen und hinreichend wirksame Maßnahmen zu ergreifen, um einen wirkungsvollen Schutz der Grundrechte der betroffenen Person sicherzustellen. Eine solche Auslistung muss daher erforderlichenfalls von Maßnahmen begleitet sein, die es tatsächlich erlauben, die Internetnutzer, die von einem Mitgliedstaat aus eine Suche anhand des Namens der betroffenen Person durchführen, daran zu hindern oder zumindest zuverlässig davon abzuhalten, über die im Anschluss an diese Suche angezeigte Ergebnisliste mittels einer Nicht-EU-Version der Suchmaschine auf die Links zuzugreifen, die Gegenstand des Auslistungsantrags sind."

Quelle: Pressemitteilung des Gerichtshofs der Europäischen Union Nr. 112/19 (https://curia.europa.eu/jcms/upload/docs/application/pdf/2019-09/cp190112de.pdf)

 

BND muss Presse Auskunft über Hintergrundgespräche mit Journalisten erteilen

Am 18. September 2019 entschied das Bundesverwaltungsgericht (Az.: 6 A 7.18) über die Klage eines Tagesspiegel-Redakteurs. Der Redakteur gehört nicht zu den vom BND in der Regel für Hintergrundgespräche berücksichtigten Journalisten. Er bat den BND im Frühjahr 2017 um die Erteilung von Auskünften zu der Anzahl, den Themen, dem personellen Rahmen sowie den Zeiten und Orten der im Vorjahr und im laufenden Jahr organisierten Hintergrundgespräche. Er begehrte außerdem Auskunft über den Umgang mit Erkenntnissen im Zusammenhang mit dem Militärputsch in der Türkei im Juli 2016.

Der BND lehnte die Erteilung der Auskünfte zunächst ab. In einem vorausgegangenen Eilverfahren erteilte der BND dann doch Auskunft über Anzahl, Zeiten und Orte der Hintergrundgespräche.

Streitig war weiterhin, ob Informationen über die eingeladenen Medienvertreter und eine etwaige Teilnahme des BND-Präsidenten erteilt werden müssten. Das Gericht urteilte:

"Dass der BND Hintergrundgespräche mit Journalisten auch unter Beteiligung seines Präsidenten durchführt, ist allgemein bekannt. Dadurch, dass dem Kläger mitgeteilt wird, welche Medien bzw. Medienvertreter jeweils eingeladen waren und an welchen Gesprächen der Präsident des BND teilgenommen hat, werden keine für eine Gefährdung der Aufgabenerfüllung des BND relevanten zusätzlichen Informationen verbreitet. Dass eine solche Gefährdung durch die Benennung der allgemeinen Themen - also nicht der konkreten Inhalte - der jeweiligen Hintergrundgespräche eintreten könnte, ist gleichfalls nicht ersichtlich. Den BND trifft insoweit in Anbetracht des Umstands, dass er die Themen auf Grund eigenen Entschlusses und ohne hierzu verpflichtet zu sein, mit Journalisten - wenn auch unter vorausgesetzter Vertraulichkeit - erörtert hat, eine gesteigerte Darlegungslast. Dieser ist er nicht nachgekommen."

Auch das Recht auf informationelle Selbstbestimmung der eingeladenen Medienvertreter stehe einer Auskunftserteilung nicht entgegen, so das Gericht:

"Zwar ist das Recht auf informationelle Selbstbestimmung grundsätzlich schutzwürdig, jedoch überwiegt im vorliegenden Fall das Informationsinteresse der Presse. Der Kläger nimmt dieses Interesse mit seinen Recherchen wahr, die Transparenz im Hinblick auf die Beziehungen zwischen den Nachrichtendiensten und der Presse herstellen sollen. Demgegenüber betrifft das schutzwürdige Interesse der Journalisten allein die Ausübung ihres auf Öffentlichkeit angelegten Berufs. Zudem geht es bei den Hintergrundgesprächen um eine besondere Form der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des BND, die sich an einen grundsätzlich festen Kreis von Journalisten richtet."

Quelle: Pressmitteilung 65/2019 des Bundesverwaltungsgerichts (https://www.bverwg.de/pm/2019/65)

Ergänzung, 21.11.2019: Zwischenzeitlich wurde die vollständige Urteilsbegründung veröffentlicht.

LG Stuttgart: Auch bei Verbreitung von Hassrede darf Facebook Beitrag löschen und Konto sperren

In seinem Urteil vom 29.08. 2019, Az.: 11 O 291/18, entschied das LG Stuttgart:

"Facebook darf einen Post löschen sowie das Konto des betreffenden Nutzers für 30 Tage sperren, wenn der Beitrag gegen die aktuellen Gemeinschaftsstandards von Facebook verstößt. Vorliegend war der Beitrag als sog. Hassrede einzustufen. Es spielt bei der Bewertung keine Rolle, ob der Text vom Nutzer selbst verfasst wurde oder ob wie vorliegend der Inhalt geteilt wurde und mit einem unterstützenden Kommentar versehen wurde."

Quelle: LG Stuttgart, Urteil vom 29.08.2019, Az.:11 O 291/18 (vgl.  https://www.jurpc.de/jurpc/show?id=20190115)

 

Leistungsschutzrecht für Presseverleger unanwendbar; Formfehler

Die VG Media erhob vor dem Landgericht Berlin (Deutschland) Schadensersatzklage gegen Google, weil Google die Presseverlegerleistungsschutzrechte ihrer Mitglieder verletzt habe. Die VG Media argumentierte, Google nutze seit dem 1. August 2013 in seiner Suchmaschine und auf seiner automatisierten Nachrichtenseite „Google News“ Pressesnippets (kurze Ausschnitte oder Zusammenfassungen von Pressetexten, ggfs. mit Bildern), ohne hierfür ein Entgelt zu entrichten.

Das Landgericht Berlin legte dem EuGH die Frage vor, ob das deutsche Presseverlegerleistungsschutzrecht eine „technische Vorschrift“ im Sinne der Richtlinie 98/34 über Normen und technische Vorschriften darstellt, die als solche der Kommission hätte übermittelt werden müssen. Der Gerichtshof bejahte dies und entschied:

Die deutsche Regelung, die es Suchmaschinen untersagt, Pressesnippets ohne Genehmigung des Verlegers zu verwenden, ist mangels vorheriger Übermittlung an die Kommission nicht anwendbar. Es handelt sich um eine Vorschrift betreffend einen Dienst der Informationsgesellschaft und somit um eine „technische Vorschrift“, deren Entwurf der Kommission zu notifizieren ist.

Quelle: Gerichtshof der Europäischen Union, Pressemitteilung Nr. 108/19 vom 12. September 2019 (https://curia.europa.eu/jcms/upload/docs/application/pdf/2019-09/cp190108de.pdf)

S. bereits hier zu den Schlussanträgen des Generalanwalts.

EuGH bestätigt: Farbmarke aus Blau und Silber von Red Bull durfte nicht eingetragen werden

Red Bull hatte 2002 für die Farbkombination aus Blau (RAL 5002 bzw. Pantone 2747 C) und Silber (RAL 9006 bzw. Pantone 877 C) zwei Unionsmarken eintragen lassen. Die Beschreibung der Marken gab für das erste Zeichen an, dass das Verhältnis der beiden Farben „etwa 50 % – 50 %“ betragen sollte, und für das zweite Zeichen, dass die beiden Farben in gleichem Verhältnis und nebeneinandergestellt verwendet würden.

Das EuG hatte die Marken für nichtig erklärt. Der EuGH schließt sich dem in seinem Urteil vom 29. Juli 2019 (Az.: C-124/18 P) an und führt aus:

39       Nach der Rechtsprechung müssen Farben oder Farbzusammenstellungen drei Voraussetzungen erfüllen, um eine Unionsmarke im Sinne von Art. 4 der Verordnung Nr. 207/2009 sein zu können. Erstens müssen sie ein Zeichen sein. Zweitens muss sich dieses Zeichen grafisch darstellen lassen. Drittens muss dieses Zeichen geeignet sein, Waren oder Dienstleistungen eines Unternehmens von denjenigen anderer Unternehmen zu unterscheiden (vgl. entsprechend Urteil vom 24. Juni 2004, Heidelberger Bauchemie, C‑49/02, EU:C:2004:384, Rn. 22 und die dort angeführte Rechtsprechung).

(…)

47      Was Marken anbelangt, die aus einer Kombination zweier oder mehrerer Farben als solcher bestehen, hat der Gerichtshof klargestellt, dass eine grafischen Darstellung von zwei oder mehr abstrakt und konturlos beanspruchten Farben, (...), systematisch so angeordnet sein muss, dass die betreffenden Farben in vorher festgelegter und beständiger Weise verbunden sind. Die bloße form- und konturlose Zusammenstellung zweier oder mehrerer Farben oder die Nennung zweier oder mehrerer Farben „in jeglichen denkbaren Formen“ weist nicht die nach Art. 4 der Richtlinie Nr. 207/2009 erforderlichen Merkmale der Eindeutigkeit und Beständigkeit auf. Solche Darstellungen ließen nämlich zahlreiche unterschiedliche Kombinationen zu, die es dem Verbraucher nicht erlaubten, eine bestimmte Kombination zu erkennen und in Erinnerung zu behalten, auf die er sich mit Gewissheit für weitere Käufe beziehen könnte, und es auch den zuständigen Behörden und den Wirtschaftsteilnehmern nicht ermöglichten, den Umfang der geschützten Rechte des Markeninhabers zu kennen (vgl. entsprechend Urteil vom 24. Juni 2004, Heidelberger Bauchemie, C‑49/02, EU:C:2004:384, Rn. 33 bis 35).

48      Im Licht dieser Erwägungen ist zu prüfen, ob die angefochtenen Entscheidungen Beurteilungsfehler aufweisen.

(…)

58      Die grafische Darstellung der angegriffenen Marken besteht aus dem vertikalen Nebeneinanderstellen der beiden Farben Blau und Silber im Verhältnis 50 %-50 %. Dieser grafischen Darstellung ist eine für die beiden Fälle jeweils unterschiedliche Beschreibung beigefügt. Die Beschreibung der ersten angegriffenen Marke, die Gegenstand der Rechtssache T‑101/15 ist, identifiziert die beiden Farben unter Bezugnahme auf den international anerkannten Kennzeichnungscode für Farben „RAL“ und stellt klar, dass ihr Verhältnis „ungefähr 50 %–50 %“ ist. Die Beschreibung der zweiten angegriffenen Marke, die Gegenstand der Rechtssache T‑102/15 ist, identifiziert die beiden Farben unter Bezugnahme auf den international anerkannten Kennzeichnungscode für Farben „Pantone“ und stellt klar, dass die Farben „in gleichem Verhältnis und nebeneinandergestellt verwendet [werden]“.

59      Es ist jedoch zum einen davon auszugehen, dass die Beschwerdekammer zu Recht festgestellt hat, dass die grafische Darstellung der angegriffenen Marken in einer bloßen form- und konturlosen Zusammenstellung zweier Farben bestand, die mehrere unterschiedliche Kombinationen der beiden Farben zuließ.

60      Zum anderen ist davon auszugehen, dass die Beschwerdekammer ebenfalls zu Recht festgestellt hat, dass die Beschreibungen, die der grafischen Darstellung jeder der angegriffenen Marken beigefügt worden war, keine zusätzliche Klarstellung hinsichtlich der systematischen Anordnung, in der die Farben in vorher festgelegter und beständiger Weise verbunden werden und durch die mehrere unterschiedliche Kombinationen dieser Farben ausgeschlossen werden, wie dies gemäß dem Urteil vom 24. Juni 2004, Heidelberger Bauchemie (C‑49/02, EU:C:2004:384), erforderlich ist, verschafften.

(...)

62      Erstens sind die Argumente der Klägerin und des streithelfenden Verbands hinsichtlich der Auslegung des Begriffs „Zusammenstellung“ in den verschiedenen Sprachfassungen der Rn. 34 des Urteils vom 24. Juni 2004, Heidelberger Bauchemie (C‑49/02, EU:C:2004:384), als ins Leere gehend zurückzuweisen, da der Begriff „Nebeneinanderstellen“ zwar nicht, wie die Klägerin und der streithelfende Verband vortragen, auf eine beliebige und willkürliche Kombination verweist, aber auch nicht zwangsläufig eine systematische Anordnung (...), darstellt. Zwar stellt das Nebeneinanderstellen klar, dass zwei oder mehrere Farben direkt nebeneinander platziert werden, eine solche Platzierung kann jedoch in mehreren unterschiedlichen Anordnungen erfolgen. Dieses Nebeneinanderstellen kann somit verschiedene Formen annehmen, die zu verschiedenen Bildern oder Schemata führen, die alle ein „Verhältnis von ungefähr 50 %-50 %“ bzw. ein „gleiches Verhältnis“ einhalten.

63      Die durch die Angabe der Verhältnisse in der Beschreibung der angegriffenen Marken hinzugefügte Information besteht nur darin, dass jede der Farben unabhängig von der Form des Nebeneinanderstellens die Hälfte des von den beiden Farben eingenommenen Raumes einnimmt. Daraus folgt, dass auch die von der Klägerin, unterstützt durch den streithelfenden Verband, vertretene Auslegung des Urteils vom 24. Juni 2004, Heidelberger Bauchemie (C‑49/02, EU:C:2004:384), wonach die Klarstellung im Hinblick auf das Verhältnis oder den Zusammenhang zwischen den verschiedenen Farben ausreichend sei, um dem in dem genannten Urteil genannten Erfordernis einer systematischen Anordnung zu entsprechen, zurückzuweisen ist.

64      Die nicht vorher festgelegte und beständige Anordnung zweier Farben kann nämlich nicht nur auf unterschiedlichen Verhältnissen beruhen, sondern auch auf der unterschiedlichen räumlichen Position dieser in demselben Verhältnis wiedergegebenen Farben.

65      (...) Im Übrigen ist festzustellen, dass die Klägerin ihren Anmeldungen, die auf der Grundlage der durch die Benutzung der angegriffenen Marken erlangten Unterscheidungskraft eingereicht worden waren, Beweise beigefügt hat, die diese Marken in einer im Vergleich zu dem vertikalen Nebeneinanderstellen der beiden Farben, wie es in der grafischen Darstellung dieser Anmeldungen gezeigt wird, sehr unterschiedlichen Art und Weise wiedergeben.

66      Die Klägerin geht somit selbst davon aus, dass die angegriffenen Marken, bei denen es sich um abstrakt definierte Farbmarken per se handelt, einen Schutz gewähren, der verschiedene Anordnungen der Farben Blau und Silber und nicht nur – wie der streithelfende Verband ausführt – eine aus zwei gleichen vertikalen Streifen bestehende Anordnung, einer in Blau auf der linken Seite und einer in Silber auf der rechten Seite, erfasst. Die Klägerin räumt somit ein, dass die grafische Darstellung der angegriffenen Marken, so wie sie eingetragen wurden, eine Vielzahl von Wiedergaben zulässt, die weder vorher festgelegt noch beständig sind.

Quelle: Urteil des EuGHs vom 29. Juli 2019; Az.: C‑124/18 P 

Microsoft siegt vor BGH - Anbieten von Testversionen verletzt Urheberrecht

In seiner Entscheidung vom 28.03.2019, Az.: I ZR 132/17, hat der BGH festgetstellt, dass das Bereithalten eines Computerprogramms zum Abruf auf einem Downloadportal  eine öffentliche Wiedergabe in Form des öffentlichen Zugänglichmachens darstellt, wenn der Betreiber des Downloadportals das Computerprogramm auf einem eigenen Rechner vorhält und auf diese Weise die Kontrolle über seine Bereithaltung ausübt. Das geltet auch dann, wenn das Computerprogramm zuvor vom Urheberrechtsinhaber auf einer anderen Internetseite frei zugänglich im Internet zur Verfügung gestellt worden sei.

Der Beklagte bot bundesweit Microsoft-Computerprogramme zum Kauf an. Testkäufer erwarben bei ihm jeweils Exemplare des Programmpakets "Microsoft Office 2013 Professional Plus Vollversion Deutsch". Der Beklagte übersandte den Testkäufern E-Mails, in denen ein Download-Link auf die Website des Beklagten mitgeteilt wurden. Das Programm konnte von den Testkäufern als 30-Tage-Testversion genutzt werden.

Der BGH bejaht eine Verletzung des Rechts der öffentlichen Wiedergabe in seiner besonderen Erscheinungsform des Rechts der öffentlichen Zugänglichmachung verletzt. Der Gerichtshof führt aus:

"Das Bereithalten eines Computerprogramms zum Abruf auf einem Downloadportal stellt eine eigene Nutzungshandlung des öffentlichen Zugänglichmachens dar, wenn der Betreiber des Downloadportals das Computerprogramm - wie im Streitfall der Beklagte - auf einem eigenen Rechner und damit unabhängig von der ursprünglichen Quelle vorhält und auf diese Weise die Kontrolle über seine Bereithaltung ausübt (vgl. BGHZ 185, 291 Rn. 20 - Vorschaubilder I; BGH, Urteil vom 21. September 2017 - I ZR 11/16, GRUR 2018, 178 Rn. 19 = WRP 2018, 201 - Vorschaubilder III; Urteil vom 10. Januar 2019 - I ZR 267/15, juris Rn. 51 - Cordoba II)."

Quelle: BGH, Testversion - JurPC-Web-Dok. 0093/2019

Die Informationsfreiheit und die Pressefreiheit können außerhalb der in der Urheberrechtsrichtlinie vorgesehenen Ausnahmen und Beschränkungen keine Abweichung von den Urheberrechten rechtfertigen

Die deutsche Gesellschaft Funke Medien NRW veröffentlichte ihr zugespielte militärische Lageberichte über die Auslandseinsätze der Bundeswehr. Die Bundesrepublik Deutschland ist der Ansicht die Veröffentlichung verletze ihre Urheberrechte an den Berichten.

Auszüge aus der Pressemitteilung des EuGH Nr. 97/19 zum Urteil in der Rechtssache C-469/17 Funke Medien NRW GmbH / Bundesrepublik Deutschland vom 29. Juli 2019:

"In seinem heutigen Urteil stellt der Gerichtshof fest, dass es Sache des nationalen Gerichts ist, vor allem zu prüfen, ob die Voraussetzungen für einen urheberrechtlichen Schutz
militärischer Lageberichte vorliegen. Diese können nämlich nur dann urheberrechtlich geschützt sein, wenn es sich bei ihnen um eine geistige Schöpfung ihres Urhebers handelt, in der seine Persönlichkeit zum Ausdruck kommt und die sich in seinen bei ihrer Ausarbeitung frei getroffenen kreativen Entscheidungen ausdrückt. Sollten diese Voraussetzungen erfüllt und die militärischen Lageberichte damit als „Werke“ anzusehen sein, können die Informationsfreiheit und die Pressefreiheit außerhalb der in der Urheberrechtsrichtlinie vorgesehenen Ausnahmen und Beschränkungen keine Abweichung von den Urheberrechten, insbesondere von den ausschließlichen Rechten des Urhebers zur Vervielfältigung und zur öffentlichen Wiedergabe, rechtfertigen."

Der EuGH ergänzt:

"Wie der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte zu entnehmen ist, hat dieser mit Blick auf die Abwägung zwischen dem Urheberrecht und dem Recht auf freie Meinungsäußerung u. a. auf die Notwendigkeit hingewiesen, zu berücksichtigen, dass die Art der betreffenden „Rede“ oder Information insbesondere im Rahmen der politischen Auseinandersetzung oder einer Diskussion, die das allgemeine Interesse berührt, von besonderer Bedeutung ist. Unter diesen Umständen stellt der Gerichtshof unter Hinweis auf die Modalitäten, unter denen Funke Medien die militärischen Lageberichte im Internet veröffentlicht hat, fest, dass nicht ausgeschlossen ist, dass eine solche Nutzung von der in der Urheberrechtsrichtlinie vorgesehenen Ausnahme für die Berichterstattung über Tagesereignisse erfasst ist."

Quelle: EuGH, Pressemitteilung Nr. 97/19

Die Nutzung eines geschützten Werks in der Berichterstattung über Tagesereignisse erfordert grundsätzlich keine vorherige Zustimmung des Urhebers

Der BGH befragte den EuGH in der Rechtssache C-516/17 Spiegel Online / Volker Beck  u. a. zur Reichweite der in der Urheberrechtsrichtlinie (Richtlinie 2001/29/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 22. Mai 2001 zur Harmonisierung bestimmter Aspekte des Urheberrechts und der verwandten Schutzrechte in der Informationsgesellschaft (ABl. 2001, L 167, S. 10)) vorgesehenen Ausnahmen für die Berichterstattung über Tagesereignisse.

Auszüge aus der Pressemitteilung des EuGH Nr. 101/19 8 zum Urteil in der Rechtssache C-516/17 Spiegel Online / Volker Beck vom 29. Juli 2019:

"Der Gerichtshof stellt sodann fest, dass die Informationsfreiheit und die Pressefreiheit, die in der
Charta der Grundrechte der Europäischen Union verankert sind, außerhalb der in der Richtlinie dafür vorgesehenen Ausnahmen und Beschränkungen keine Abweichung von den ausschließlichen Rechten des Urhebers zur Vervielfältigung und zur öffentlichen Wiedergabe rechtfertigen können.

Was die Abwägung angeht, die das nationale Gericht zwischen den ausschließlichen Rechten des
Urhebers und dem Recht auf freie Meinungsäußerung vornehmen muss, hebt der Gerichtshof
hervor, dass der Schutz des Rechts des geistigen Eigentums nicht bedingungslos ist und dass
gegebenenfalls zu berücksichtigen ist, dass die Art der betreffenden „Rede“ oder Information
insbesondere im Rahmen der politischen Auseinandersetzung oder einer das allgemeine Interesse
berührenden Diskussion von besonderer Bedeutung ist.

Zu der Möglichkeit der Mitgliedstaaten, die Nutzung geschützter Werke in Verbindung mit der
Berichterstattung über Tagesereignisse zu erlauben (soweit es der Informationszweck rechtfertigt
und sofern – außer in Fällen, in denen sich dies als unmöglich erweist – die Quelle, einschließlich
des Namens des Urhebers, angegeben wird), entscheidet der Gerichtshof, dass die
Mitgliedstaaten bei der Umsetzung einer solchen Ausnahme oder Beschränkung diese nicht
davon abhängig machen dürfen, dass der Urheber zuvor um seine Zustimmung ersucht
wurde.

Insoweit ist es Sache des Bundesgerichtshofs, zu prüfen, ob die Veröffentlichung der
Originalfassungen des Manuskripts und des Aufsatzes von 1988 im Volltext und ohne die
Distanzierungsvermerke von Herrn Beck erforderlich war, um das verfolgte Informationsziel zu
erreichen."

Ob die streitgegenständliche Veröffentlichung unter die Ausnahme des Zitatrechts falle, habe der BGH danach zu entscheiden, inwieweit die Dokumente der Öffentlichkeit vorab rechtmäßig zugänglich gemacht worden seien. Dies sei zu bejahen, wenn das Werk der Öffentlichkeit in seiner konkreten Gestalt mit Zustimmung des Rechtsinhabers, aufgrund einer Zwangslizenz oder aufgrund einer gesetzlichen Erlaubnis zugänglich gemacht wurde.

Quelle: EuGH, Pressemitteilung Nr. 101/19

"Das Original" muss auch das Original sein

Das OLG Celle entschied in einem bereits im September 2018 ergangenen aber erst vor kurzem veröffentlichten Urteil, dass der Verkäufer eines Abnehmpulvers dieses einstweilen nicht mit dem Zusatz "das Original" bewerben darf, da der Verbraucher dadurch im konkreten Fall in die Irre geführt werde .

Im Rahmen eines Verfügungsverfahren wandte sich ein Verband gegen die Aussage eines Vertreiber von Nahrungsergänzungsmitteln im Rahmen eines 30-sekündige Radiospots, bei einem seiner Produkte handele es sich um "das Original". Das Gericht gab dem Antrag statt. Maßgebliche Teile der angesprochenen Verkehrskreise, zu denen auch der Senat zähle, verstünden den Zusatz "das Original" dahingehend, dass das bezeichnete Produkt das erste Produkt dieser Art, jedenfalls aber am längsten am Markt sei. Der Eindruck werde noch verstärkt durch den bestimmten Artikel "das". Dadurch würde den angesprochenen Verkehrskreisen gerade das singuläre des Produkts und damit ein Alleinstellungsmerkmal, ein gegenüber Mitbewerbern besonderes Maß an Qualität und Erfahrung suggeriert. Das Verkehrsverständnis beschränke sich nicht darauf, bei dem Produkt handele es sich um den "absoluten Marktführer". Die angesprochenen Verkehrskreise bezögen die Aussage auch nicht lediglich auf ein Verfahren, dass der Verfügungsbeklagte gegen Nachahmerprodukte führe und in dem sein Produkt als Original im Verhältnis zu den Nachahmern bezeichnet werde.

Die Behauptung bei dem streitgegenständlichen Produkt handele es sich um das erste dieser Art (pulverförmige Lebens- und Nahrungsergänzungsmittel für eine gewichtsreduzierte Ernährung) war aber unzutreffend.

Der Unterlassungsanspruch des Verfügungsklägers aufgrund unlauterer Werbung wurde daher bejaht.

 

Quelle: OLG Celle, Urteil vom 4. September 2018, Az.: 13 U 77/18, GRUR-RR, 2019, 273 f.

Bildberichterstattung kann zulässig sein, selbst wenn Betroffener keinen Anlass geboten hat (BGH, Urteil vom 9. April 2019, Az.: VI ZR 533/16)

In dem vom BGH im April entschiedenen Fall klagte die Tochter eines prominenten Schauspielerehepaars. Sie geriet insbesondere dadurch in den Fokus des öffentlichen Interesses, dass ihre Eltern noch in ihrer Jugend verstarben und eine befreundete Schauspielerin die Vormundschaft übernahm. Mit ihrer Klage griff die Klägerin die Veröffentlichung von drei Fotos an: Sie hatte im Juli 2013, mittlerweile volljährig, die Fashion Week in Berlin besucht und im Rahmen dessen mit ihrem ehemaligen Vormund Passbildfotos in einem Passbildautomaten gemacht. Gemeinsam posierten beide anschließend mit den Passbildfotos in der Hand für die Fotografen. Die Bilder wurden später in einem Artikel mit der Überschrift "Eine Mutter für das Waisenkind" verwendet. Gegenstand des Berichtes war das gute Verhältnis der Klägerin zu ihrem Vormund im Besonderen und darauf aufbauend Vormundschaft für Waisenkinder im Allgemeinen. Das dritte Foto, gegen das sich die Klägerin wandte, war ein altes Familienfoto mit den damals noch lebenden Eltern in Disneyland Paris anlässlich eines offiziellen Presseevents, welches den Artikel zur Vormundschaft ebenfalls illustrierte.

Der BGH entschied in Fortführung seiner bisherigen Rechtsprechung, dass der Klägerin kein Unterlassungsanspruch zustehe. Die Zulässigkeit einer Bildveröffentlichung richte sich nachdem abgestuften Schutzkonzept der §§ 22 23 KUG. Sie setze nicht voraus, dass der/die Abgebildete einen berechtigten Anlass für die Verbreitung des Bildnisses gegeben habe.

Nach dem abgestuften Schutzkonzept sei zunächst entscheidend, ob es sich um ein Bildnis aus dem Bereich der Zeitgeschichte handele. Dieser Begriff sei weit zu verstehen. Gleichwohl sei bereits bei der Frage, ob es sich um ein Bildnis aus dem Bereich der Zeitgeschichte handele, eine Interessenabwägung vorzunehmen. Diese Interessenabwägung fiele vorliegend jedoch zugunsten des Verlages aus. Die Bilder illustrierten kontextgerecht die Wortberichterstattung, welche einen Beitrag zu einer Diskussion allgemeinen Interesses leiste. In die Abwägung einzustellen sei auch der Bekanntheitsgrad der Klägerin sowie der Umstand, dass die Übernahme der Vormundschaft durch die mit den Eltern befreundete und ebenfalls beliebte Schauspielerin öffentlich bekannt war. Die Klägerin sei bereits mit ihren Eltern öffentlich aufgetreten. Angesichts dieses Bekanntheitsgrades handele es sich bei der Klägerin nicht mehr um eine "in der Öffentlichkeit unbekannte Privatperson". Die streitgegenständliche Bildberichterstattung betreffe die Klägerin unmittelbar auch nur in ihrer Sozialsphäre. Das "Fashion Week-Foto" und die Passfotos aus dem Automaten seien auf einer medienwirksam inszenierten öffentlichen Veranstaltung aufgenommen worden. Dass die Klägerin mit ihrem ehemaligen Vormund den aufgestellten Fotoautomaten benutzt und anschließend mit den dort erstellten Bildern für die Kameras posiert habe, verdeutliche, dass ihr die Öffentlichkeit der Situation bewusst war und sie diese ersichtlich gewählt habe. Gleiches gelte auch für das Disneyland-Bild. Es handele sich um eine Aufnahme, die die Familie der Klägerin anlässlich eines offiziellen Events zeige. Die vom Veranstalter nach Paris eingeladenen Eltern der Klägerin posierten mit ihren Kindern für die Kamera, so dass die gerade kein privater Moment der Entspannung oder des Sich-Gehen-Lassens außerhalb des beruflichen Lebens zu sehen sei.

Bei dieser Sachlage stünden der Veröffentlichung der Bilder auch keine berechtigten Interessen der Klägerin entgegen.

Irreführung durch Nutzung von Pseudonym bei einem Werbeanruf

In einem einstweiligen Rechtsschutzverfahren urteilte das OLG Frankfurt a.M., dass es als Irreführung im Sinne des UWG (§ 5 Abs. 1 Satz 2 Var. 1 UWG) zu werten sei, wenn der Mitarbeiter eines Unternehmens im Telefonat mit einem Kunden nicht seinen Realnamen verwendet sondern nur ein Pseudonym.

Die unwahre Namensangabe sei hier geeignet, den Verbraucher oder sonstigen Marktteilnehmer zu einer geschäftlichen Entscheidung zu veranlassen, die er andernfalls nicht getroffen hätte. Auf eine solche wettbewerbsrechtlich relevante Irreführung könne zwar ohnehin in der Regel aus dem Hervorrufen einer Fehlvorstellung geschlossen werden. Anders verhalte es sich jedoch dann, wenn über Umstände getäuscht worden sei, die für das Marktverhalten der Gegenseite lediglich eine unwesentliche Bedeutung haben. Dies sei hier jedoch nicht der Fall. Insbesondere mit Blick auf die vertragliche Rechtsdurchsetzung und auf Beweiszwecke könne es auf die Angaben des Mitarbeiters am Telefon und auf dessen wirklichen Namen ankommen. Als geschäftliche Handlung des Unternehmers werde insoweit auch ein Verhalten vor oder bei Geschäftsabschluss erfasst, das sich erst bei Durchführung des Vertrages auswirkt. Insoweit sei es für die Anwendung von § 5 I UWG unerheblich, sollte die Angabe eines falschen Namens noch nicht bei Vertragsschluss sondern erst später relevant werden. Es sei denkbar, dass der Verbraucher keinen Vertrag abgeschlossen hätte, wenn er gewusst hätte, dass er den richtigen Namen des Mitarbeiters nicht kennt.

Quelle: Urteil des OLG Frankfurt a.M. vom 16.05.2019; Az.: 6 U 3/19 (https://www.rv.hessenrecht.hessen.de/bshe/document)

Werbeabgabenverbot des HWG konform mit Europa- und Verfassungsrecht

Der BGH hat am 06. Juni 2019 in zwei parallelen Verfahren entschieden, dass Werbegeschenke durch Apotheken, so geringwertig sie auch sein mögen, unzulässig sind (Az.: I ZR 206/17 und Az.: I ZR 60/18). Er hat dabei die maßgeblichen nationalen Vorschriften (§ 78 Abs. 2 Satz 2, 3 AMG und § 7 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 HWG) auch europa- und verfassungsrechtlich überprüft.

Konkret hatte eine Apotheke beim Erwerb verschreibungspflichtiger Arzneimittel einen Brötchen-Gutschein über „2 Wasserweck oder 1 Ofenkrusti“ ausgehändigt und eine andere Apotheke ihren Kunden einen Ein-Euro-Gutschein für einen weiteren Einkauf in der Apotheke mitgegeben.

Beides ist wettbewerbswidrig (§§ 3, 3a UWG i.V.m. § 7 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 HWG). Diese Wertung stellt nach dem BGH weder einen Verstoß gegen die in Art. 34 AEUV geregelte Warenverkehrsfreiheit in Europa dar, da das Europarecht auf innerstaatliche Sachverhalte ohne grenzüberschreitenden Bezug keine Anwendung fände, noch seien die nationalen Regelungen unvereinbar mit der durch Art. 12 Abs. 1 GG gewährleisteten Berufsfreiheit. § 7 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 HWG diene dem Schutz von Werbung unbeeinflusster Entscheidungen der Verbraucher bei dem Erwerb von Heilmitteln und solle zudem einen Preiswettbewerb zwischen den Apotheken verhindern. Letztlich geht es um die Sicherstellung einer flächendeckenden und angemessenen Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln. Dies wiegt nach Ansicht des BGH den Eingriff in die Berufsfreiheit der Apothekenbetreiber auf. Erst wenn der Vertrieb von Arzneimitteln durch ausländische Apotheken derart umfangreich sein sollte, dass der Zweck des § 7 HWG nicht mehr erreicht werden kann oder die gesetzlichen Regelungen angesichts des Konkurrenzdrucks aus dem europäischen Ausland nicht mehr zumutbar sind, könne der Eingriff in Artikel 12 Abs. 1 GG unter Umständen nicht mehr gerechtfertigt sein.

Pressemittelung des BGH zu den Verfahren: https://www.bundesgerichtshof.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2019/2019076.html

DSGVO nach Auffassung des LG Stuttgart nicht abmahnfähig

Das LG Stuttgart geht in einem Urteil vom 15.04.2019 (Az.:35 O 68/18 KfH) davon aus, dass Verletzungen der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) nicht auf der Grundlage von § 8 UWG abgemahnt werden können. Geklagt hatte ein Interessenverband von Online-Unternehmern. Das Landgericht Stuttgart führt aus, gegen die Abmahnfähigkeit von Verletzungen der DSGVO spreche, dass die DSGVO selbst detaillierte Regelungen für Sanktionen enthalte. Der europäische Gesetzgeber habe keine darüber hinaus gehende Klagebefugnis Dritter gewollt. Andernfalls hätte es nach Auffassung des Landgerichts insbesondere des Art. 80 DSGVO nicht bedurft. Dieser regelt, dass der Betroffene Rechtsschutz suchen kann, indem er bestimmte Einrichtungen mit der Wahrnehmung seiner Rechte beauftragt. Gegen diese Annahme einer abschließenden Regelung von Sanktionen durch die DSGVO spreche auch nicht, dass die DSGVO einen anderen Zweck, namentlich den Schutz personenbezogener Daten, verfolge als das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG).

Das LG Stuttgart geht damit wie das LG Bochum (LG Bochum, Urteil v. 7.8.2018, Az.: 12 O 85/18) davon aus, dass Verstöße gegen die DSGVO grundsätzlich nicht abmahnfähig sind. Anders sehen dies z.B. das OLG Hamburg (Urteil v. 25. Oktober 2018, Az.: 3 U 66/17) und das LG Würzburg (Beschluss v. 13.09.2018, Az.: 11 O 1741/18 UWG). Klarheit könnte das „Gesetz zur Stärkung des fairen Wettbewerbs“ bringen.

OLG Köln entscheidet zum "Clickbaiting"

Beim "clickbaiting" oder auch "Klickköder" wird ein Thema oder eine Person, an dem oder an der ein großes öffentliches Interesse besteht, als Köder eingesetzt um mehr Menschen auf die eigene Webseite zu locken und den Traffic der eigenen Website zu erhöhen. Im vom OLG Köln entschiedenen Fall hatte eine Zeitschrift auf ihrem Facebook-Profil vier Bilder von Prominenten veröffentlicht, und dies mit dem Text verknüpft: "Einer dieser TV-Moderatoren muss sich wegen Krebserkrankung zurückziehen". Einer der vier abgebildeten Moderatoren, der von der Krebserkrankung nicht betroffen ist, hatte gegen die Nutzung seines Bildnisses geklagt. Er machte einen Lizenzschaden geltend, da er in die Nutzung seines Bildes nicht eingewilligt hatte. Das Landgericht Köln hatte bereits zu seinen Gunsten entschieden. Entgegen der Auffassung der Beklagten liege in der streitgegenständlichen Verwendung des Bildnisses des Klägers eine Ausnutzung desselben für kommerzielle Zwecke. Das Oberlandesgericht Köln bestätigt nun die Entscheidung des LG Köln und führt ergänzend aus: Mit der Veröffentlichung sei keinerlei Informationswert mit Blick auf den Kläger verbunden gewesen. Die haltlosen Spekulationen über eine mögliche Krebserkrankung bezogen auf den Kläger hätten gar an der Grenze zu einer bewussten Falschmeldung gelegen.

 

Der Senat hat die Revision zugelassen, da er davon ausgeht, die rechtliche Beurteilung von "clickbaiting" habe grundsätzliche Bedeutung und erfordere eine klärende Entscheidung des BGH.

 

(Quelle: Pressemeldung des OLG Köln zum Urteil vom 28.05.2019, Az.: 15 U 160/18).