Neues BGH-Urteil zu Verbraucher-Informationspflichten über die Kontaktmöglichkeiten

Mit Urteil vom 19.12.2019 (I ZR 163/16 - Rückrufsystem II) hat der BGH sich zu den Erfordernissen bzgl. Verbraucher-Informationspflichten nach Art. 246a § 1 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 und § 4 Abs. 1 EGBGB geäußert.

Danach ist ein Unternehmer verpflichtet, dem Verbraucher vor Abgabe von dessen Vertragserklärung in klarer und verständlicher Weise Informationen u.a. über seine Identität, beispielsweise seinen Handelsnamen sowie die Anschrift des Ortes, an dem er niedergelassen ist, seine Telefonnummer und gegebenenfalls seine Telefaxnummer und E-Mail-Adresse sowie gegebenenfalls die Anschrift und die Identität des Unternehmers, in dessen Auftrag er handelt, zur Verfügung zu stellen.

Die Frage im vorliegenden Verfahren war, ob die Angabe einer Telefon- und einer Faxnummer stets zu erfolgen hat oder ob ggfs. das Angebot andere Kommunikationsmöglichkeiten ausreichend ist. Die Beklagte (eine Betreiberin eines Onlineshops) hielt als Kontaktmöglichkeiten ein Rückrufsystem vor und gab dem Kunden die Möglichkeit, per Chat oder E-Mail mit ihr Kontakt aufzunehmen. Der Kläger (der Dachverband der 16 Verbraucherzentralen und weiterer Verbraucherorganisationen in Deutschland) war der Auffassung, die Beklagte verstoße gegen ihre Informationspflichten, wenn sie keine Telefaxnummer und die Telefonnummer nicht klar und verständlich angibt. Weil bei dem angebotenen Rückrufservice eine Vielzahl von Schritten erforderlich war, um die Beklagten zu kontaktieren, genüge dies nach Auffassung des Klägers nicht den Voraussetzungen.

Der BGH hatte vor seiner Entscheidung diverse Fragen dem EuGH zur Beantwortung vorgelegt (Urteil vom 10. Juli 2019, C-649/17, Bundesverband/Amazon EU). Der EuGH sah einen Verstoß gegen Art. 6 Abs. 1 Buchst. c der Richtlinie 2011/83/EU wenn eine Regelung den Unternehmer stets verpflichtet, eine Telefonnummer anzugeben. Ferner impliziert die Bestimmung nach dem Urteil des EuGH keine Verpflichtung des Unternehmers, einen Telefon- oder Telefaxanschluss bzw. ein E-Mail-Konto neu einzurichten. Sie verpflichtet den Unternehmer nur dann zur Übermittlung der Telefon- oder Telefaxnummer bzw. seiner E-Mail-Adresse, wenn er über diese Kommunikationsmittel mit den Verbrauchern bereits verfügt. Zudem sieht der EuGH zwar eine Verpflichtung des Unternehmers, dem Verbraucher ein Kommunikationsmittel zur Verfügung zu stellen, das geeignet ist, die Kriterien einer direkten und effizienten Kommunikation zu erfüllen. In der Wahl des Kommunikationsmittels ist der Unternehmer aber frei, soweit es die Voraussetzungen erfüllt; er ist also nicht beschränkt auf die Kommunikationsmittel (Telefonnummer, Faxnummer und E-Mail-Adresse), die in der Richtlinie ausdrücklich genannt sind.

Bereits das Berufungsgericht hatte eine Verpflichtung des Unternehmers zur Information des Verbrauchers über seine Telefonnummer und Telefaxnummer im Sinne von § 312d Abs. 1 BGB, Art. 246a § 1 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EGBGB verneint, soweit der Unternehmer ausreichend andere Möglichkeiten zur Verfügung stelle, was vorliegend mit dem Rückrufsystem der Beklagten und den Möglichkeiten, per Chat oder E-Mail mit ihr Kontakt aufzunehmen, gegeben war.

Die Revision der Beklagten hat der BGH zurückgewiesen und schließt sich dem Berufungsgericht und dem EuGH in deren Ausführungen an:

Auch die Tatsache, dass die Beklagte mehrere Schritte vorsehe, bis der Verbraucher zur Möglichkeit des Rückrufs gelange, stehe der Annahme, dass eine schnelle Kontaktaufnahme und effiziente Kommunikation möglich ist, nicht entgegen, denn die dort vorgesehenen Auswahlmöglichkeiten unterschieden sich in der Sache nicht von denen, die auch bei einer telefonischen Hotline abgefragt würden, bis die Verbindung mit einem Mitarbeiter hergestellt werde.

Die Revision hatte zudem geltend gemacht, der Annahme einer klaren und verständlichen Information über die Telefonnummer der Beklagten stehe vorliegend der komplexe Ablauf entgegen, nach dem es dem Verbraucher nur unter Mühen und über das Durchklicken verschiedener untereinander verschachtelter Seiten möglich sei, die Telefonnummer der Beklagten überhaupt in Erfahrung zu bringen. Hierzu hat der BGH unter Verweis auf das o.g. Urteil des EuGH klargestellt, dass der Umstand, dass die Telefonnummer erst nach einer Reihe von Klicks verfügbar ist, als solcher nicht impliziere, dass die verwendete Art und Weise bei einer Situation wie der im Streitfall in Rede stehenden, die einen Unternehmer betrifft, der den Verkauf verschiedener Waren ausschließlich online über eine Internetseite betreibt, nicht klar und verständlich ist. Sonstige Umstände, die gegen die Klarheit und Verständlichkeit der Information über die Telefonnummer sprechen könnten, seien nicht ersichtlich.

Der Leitsatz der Entscheidung lautet folglich:

"Hat der Verbraucher beim Bestellvorgang in einem Onlineshop vor Abschluss der Bestellung die Möglichkeit, einen mit "Kontaktieren Sie uns" gekennzeichneten elektronischen Verweis ("Link") zu betätigen und so mit dem Verkäufer in schriftlicher Form durch eine E-Mail oder einen Internet-Chat Kontakt aufzunehmen oder aber sich von ihm über ein Rückrufsystem sofort oder innerhalb von fünf Minuten und damit zeitnah zurückrufen zu lassen, genügt dies den Informationspflichten über die Kontaktmöglichkeiten gemäß Art. 246a § 1 Abs. 1 Satz1 Nr. 2 und § 4 Abs.1 EGBGB"

Amazon haftet nicht für die Lagerung markenverletzender Produkte (EuGH, Urt. v. 02.04.2020, Rs. C‑567/18)

Der EuGH hat mit Urteil vom 02.04.2020 (Rechtsache C‑567/18) über ein Vorabentscheidungsersuchen des BGH in einem Verfahren zwischen dem namhaften Parfümvertieb Coty Germany GmbH und diversen Amazon Tochtergesellschaften entschieden, dass Amazon nicht für Markenverletzungen haftbar gemacht werden kann in Bezug auf Produkte die Dritthändler anbieten und für den Verkauf den Service von Amazon "Versand durch Amazon" nutzen, bei dem die Produkte von Amazon gelagert werden können. Der Versand erfolgt in diesem Fall über externe Dienstleister. Solange Amazon selbst diese Waren nicht anbietet, haftet es nicht für die Lagerung der markenverletztenden Produkte seiner Händler.
Bei der Entscheidung ging es konkret um den Verkauf von Parfümflakons, für die die Rechte aus der Marke nicht erschöpft waren und die auf einem Marktplatz der Website www.amazon.de durch einen Drittanbieter ohne Zustimmung von Coty anboten worden waren.

Die Vorlagefrage hat der EuGH wie folgt beantwortet: "Nach alledem ist auf die Vorlagefrage zu antworten, dass Art. 9 Abs. 2 Buchst. b der Verordnung Nr. 207/2009 und Art. 9 Abs. 3 Buchst. b der Verordnung 2017/1001 dahin auszulegen sind, dass eine Person, die für einen Dritten markenrechtsverletzende Waren lagert, ohne Kenntnis von der Markenrechtsverletzung zu haben, so anzusehen ist, dass sie diese Waren nicht zum Zweck des Anbietens oder Inverkehrbringens im Sinne dieser Bestimmungen besitzt, wenn sie selbst nicht diese Zwecke verfolgt."

Das vollständige Urteil ist abrufbar unter: http://curia.europa.eu/juris/document/document.jsf?text=&docid=224883&pageIndex=0&doclang=de&mode=req&dir=&occ=first&part=1&cid=3157112.

Der Rechtsstreit wird nun weiter beim BGH geführt. Der EuGH wies in seiner Entscheidung bereits darauf hin, dass es im Unionsrecht noch weitere Vorschriften gebe, um gegen Vermittler vorzugehen, die es erlauben, eine Marke rechtswidrig zu benutzen, so z.B. im elektronischen Geschäftsverkehr und im Urheberrecht. Er hatte diese Fragen aber nicht konkret zu beantworten, da sie nicht Teil der Vorlagefrage waren.

BGH zur Werbung mit dem markenrechtlich geschützten "ÖKO-TEST-Siegel" ohne Lizenzvertrag - Urteile vom 12. Dezember 2019, I ZR 173/16 - ÖKOTEST I, I ZR 174/16 und I ZR 117/17 - ÖKOTEST II

Der I. Zivilsenat des BGH hat in drei Revisionsverfahren die Benutzung von Testsiegel-Marken als Verletzung der Rechte der Markeninhaber an ihrer bekannten Marke "ÖKO-TEST" angesehen.

Die Klägerin ist seit 1985 Herausgeberin des Magazins "ÖKO-TEST", in dem Waren- und Dienstleistungstests veröffentlicht werden und ist seit 2012 Inhaberin einer eingetragenen Unionsmarke, die das ÖKO-TEST-Siegel wiedergibt und markenrechtlichen Schutz für die Dienstleistungen "Verbraucherberatung und Verbraucherinformation bei der Auswahl von Waren und Dienstleistungen" gewährt. Die Klägerin gestattet den Herstellern und Vertreibern der von ihr getesteten Produkte die Werbung mit dem ÖKO-TEST-Siegel, wenn diese mit ihr einen entgeltlichen Lizenzvertrag schließen.

Die Beklagten sind Versandhändler und haben in ihren Online-Shops mit dem ÖKO-TEST-Siegel für Baby-Produkte, Lattenroste, Fahrradhelme und Kopfkissen geworben, ohne zuvor einen Lizenzvertrag für das spezielle Produkt mit der Klägerin geschlossen zu haben. In allen Verfahren hatte die Klägerin die Produkte, die von den jeweiligen Beklagten im Internet mit dem ÖKO-TEST-Siegel, das jeweils mit der Bezeichnung des getesteten Produkts, dem entsprechenden Testergebnis und der Fundstelle des Tests versehen war, beworben wurden, entweder in einer anderen Farbgestaltung oder einer anderen Größe bzw. nur in einer der angebotenen Größen getestet, als diese jeweils von den unterschiedlichen Beklagten angeboten worden waren.

Die Klägerin sieht in der Werbung mit dem ÖKO-TEST-Siegel jeweils eine Verletzung ihrer Rechte an der Unionsmarke. Sie hat die Beklagten auf Unterlassung und Erstattung von Abmahnkosten in Anspruch genommen.

Der BGH hat nun alle Berufungsentscheidungen, die jeweils zugunsten der Klägerin ausgefallen waren, bestätigt, indem er die Revision der Beklagten zurückgewiesen hat und somit die Verurteilung zur Unterlassung bestätigt hat.

In allen drei Verfahren verletzt die beanstandete Zeichennutzung demnach entgegen Art. 9 Abs. 1 Satz 1 und 2 Buchst. c GMV und Art. 9 Abs. 1 und 2 Buchst. c UMV die bekannte Marke der Klägerin.

Zwar erbringt ein Händler, der im Rahmen seines Warenangebots über die Eigenschaften einer Ware wie deren Bewertung in einem von Dritten durchgeführten Test informiert, neben seiner Handelsdienstleistung nicht zugleich die Dienstleistung der Verbraucherberatung und -information, für die die Marke der Klägerin geschützt ist, sodass von einer Unähnlichkeit der Dienstleistungen auszugehen ist.

Die Berufungsgerichte haben aber nach Auffassung des BGH die Bekanntheit der Klagemarke rechtsfehlerfrei bejaht. Eine rechtsverletzende Benutzung der Klagemarke wurde daher angenommen, weil der Verkehr das jeweils von den Beklagten verwendete Logo mit der Klagemarke gedanklich verknüpft. Die Beklagten haben dem Verkehr eine Information über die Beschaffenheit oder die Qualität ihrer Produkte vermittelt und sich hierzu auf die unter der bekannten Marke der Klägerin erbrachte Dienstleistung des Warentests bezogen. Bei der in diesem Zusammenhang vorzunehmenden Gesamtwürdigung wiegen die Bekanntheit der Klagemarke und die hohe Zeichenähnlichkeit so schwer, dass die Unähnlichkeit der betroffenen Waren und Dienstleistungen der Annahme einer gedanklichen Verknüpfung nicht entgegensteht. Es ist von hochgradiger Zeichenähnlichkeit auszugehen, nicht hingegen von Zeichenidentität, weil die Beklagten jeweils das als Marke geschützte "leere" Testlogo um die Angaben zum Testergebnis und der Testfundstelle ergänzt haben.

Die Berufungsgerichte haben weiter rechtsfehlerfrei angenommen, dass die jeweils angegriffene Zeichenverwendung die Wertschätzung der Klagemarke ohne rechtfertigenden Grund in unlauterer Weise ausnutzt oder beeinträchtigt. Versucht ein Dritter, sich durch die Verwendung eines mit einer bekannten Marke identischen oder ihr ähnlichen Zeichens in den Bereich der Sogwirkung dieser Marke zu begeben, um von ihrer Anziehungskraft, ihrem Ruf und ihrem Ansehen zu profitieren und, ohne jede finanzielle Gegenleistung und ohne dafür eigene Anstrengungen machen zu müssen, die wirtschaftlichen Anstrengungen des Markeninhabers zur Schaffung und Aufrechterhaltung des Images dieser Marke auszunutzen, so ist der sich aus dieser Verwendung ergebende Vorteil als eine unlautere Ausnutzung der Unterscheidungskraft oder der Wertschätzung der Marke anzusehen. Im Hinblick darauf, dass die Klägerin erhebliche wirtschaftliche Anstrengungen für die Schaffung und Erhaltung der Bekanntheit ihrer Marke unternommen hat und die Beklagten sich jeweils die daraus resultierende Werbewirkung der Marke ohne finanziellen Beitrag zunutze gemacht haben, ist es rechtlich nicht zu beanstanden, dass die Berufungsgerichte das Interesse der Klägerin daran, die Werbung mit ihrem Zeichen daraufhin zu kontrollieren, ob sie ihren testbezogenen Maßstäben genügt, höher bewertet haben als das Interesse der Beklagten, ihre Kunden auf die gute oder sehr gute Bewertung ihrer Produkte durch die Klägerin hinzuweisen.

Da es bei den Tests der Klägerin durchaus darauf ankommt, in welcher Farbe oder Größe das Produkt jeweils getestet wurde, weil andere Farben auch unterschiedliche Farbstoffe enthalten können und andere Größen ebenfalls unterschiedlich verarbeitet worden sein können, hat die Klägerin in Bezug auf den guten Ruf ihrer Marke und damit aber auch in Bezug auf den Verbraucherschutz ein berechtigtes Interesse daran, dass nur Produkte mit ihrem Siegel beworben werden, die auch tatsächlich von ihr gestestet und entsprechend lizenziert wurden.

Rechtsanwältin Rebekka Kramm berät und vertritt Unternehmen, Verbände und Organisationen sowie und Privatpersonen insbesondere im Bereich des Marken- und des Wettbewerbsrechts sowie in allen Fragen betreffend die urheberrechtlichen Geräteabgaben nach §§ 54 ff. UrhG.

Rechtsanwältin Kramm ist seit 2011als Rechtsanwältin zugelassen und war für mehrere Jahre in einer auf das Markenrecht spezialisierten Berliner Rechtsanwaltskanzlei tätig. Seit 2015 ist sie Rechtsanwältin bei KVLEGAL.

In 2016 hat Rechtsanwältin Kramm die Ausbildung und theoretischen Prüfungen für den Fachanwalt gewerblichen Rechtsschutz erfolgreich abgelegt.

Das Studium der Rechtswissenschaften hat Rechtsanwältin Kramm an der Universität Potsdam mit dem Schwerpunkt Medienrecht absolviert. Bereits während des Referendariats hat sie ihren Interessenschwerpunkt auf das Medien- und Presserecht sowie den Gewerblichen Rechtsschutz ausgerichtet und hat Stationen u.a. bei einem öffentlich-rechtlichen Fernsehsender, einer Plattenfirma und Konzertveranstalter sowie einer namhaften Kanzlei, die auf den Gewerblichen Rechtsschutz spezialisiert ist, absolviert.

Rebekka Kramm ist Mitglied in der Deutschen Vereinigung für Gewerblichen Rechtsschutz und Urheberrecht (GRUR).


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Attorney at Law Rebekka Kramm consults and represents companies and individuals in the fields of Trademark and Unfair Competition Law and on Copying Levies.

Rebekka Kramm studied law at the University of Potsdam (Germany) and hereby focused on Media Law. She did her legal clerkship with focus on Media and Press Law as well as Intellectual Property Law and spent her stations, inter alia, at a public television channel, a record label and concert promoter as well as a reputable law firm specialized in Intellectual Property Law.

After her admission to the bar in 2011 she worked as an attorney in a law firm in Berlin specialized in Trademark Law before joining KVLEGAL. She is a member of the GRUR, the German Association for Industrial Property and Copyright.


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